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ORM: Jännerrallye 2018

Simon Wagner im motorline.cc-Exklusivinterview

Simon Wagner im motorline.cc-Interview: Wie er mit Getriebeproblemen plötzlich Rallyeleader wurde. Über die Freude im Ziel und die Katastrophe auf der Verbindung...

Michael Noir Trawniczek
Fotos: Daniel Fessl

Lokalmatador Simon Wagner war beim Comeback der Jännerrallye der große Held, mit dem alle mitfieberten - im uralten Mazda 323 konnte er zunächst Platz zwei belegen und nach dem Ausfall von Niki Mayr-Melnhof sogar die Rallye anführen. Trotz bereits heftiger Getriebeprobleme konnte Simon die Führung halten und den angeschlagenen Wagen ins Ziel der letzten Prüfung retten. Doch auf der Verbindungsetappe in den Parc ferme kam das bittere Ende: Kompletter Getriebeschaden! Für seine immer mehr werdenenden Fans ist Simon Wagner der „Sieger der Herzen“ - wir baten ihn zum Exklusiv-Interview.

Simon, ich gratuliere dir zu dieser großartigen Leistung, viele sehen dich als den „Sieger der Herzen“! Was dann auf der Verbindungsetappe passierte, war einfach nur - wie sagt man dazu - ich sag mal es war sch****e...

(lacht) Aber richtig!

Schon gestern hat das Getriebe zu spinnen begonnen?

Ja, gestern abend auf der letzten langen Sonderprüfung gab es plötzlich beim Beschleunigen im vierten Gang so ein Krachen - ich dachte zunächst, dass eine Antriebswelle gerissen oder ein Reifen geplatzt ist. Dann komme ich zu einer Kehre, lege den ersten Gang ein und es geht gar nichts mehr, in der nächsten Kehre passierte das Gleiche - das hat sicher ziemlich tolpatschig ausgesehen, denn ich musste dann immer in den zweiten Gang hochschalten. So habe ich halt den ersten Gang gar nicht mehr verwendet, danach musste ich sogar bei der Zeitkontrolle mit der Zweiten wegfahren.

Ich habe dann unseren Teamchef Wolfang Schmollngruber (Race Rent Austria, d. Red.) angerufen, ob wir abstellen müssen. Er meinte, dass ich probieren solle, weiterzufahren. Es bestünde jedoch das Risiko, dass sich etwas im Getriebe verzwickt und dass plötzlich alle vier Räder blockieren könnten. Was natürlich im fünften Gang auf Highspeed weniger lustig wäre, weshalb ich dann nur noch geschaut habe, dass wir ins Ziel kommen und ins Service.

Ein Getriebewechsel war nicht möglich?

Das war in den zur Verfügung stehenden 45 Minuten nicht möglich, da der Mazda ja doch schon ein altes Auto ist, wo das etwas länger dauert. Die Mechaniker haben aber alles Öl abgelassen und es stellte sich heraus, dass es ein Nadellager zersetzt hatte, sodass das Zahnrad vom ersten Gang nicht mehr funktioniert hat. Es war aber die Wahrscheinlichkeit gering, dass es komplett blockieren wird, weshalb wir gesagt haben, dass wir nicht abstellen, sondern dass wir es einfach probieren...

Wie gut hast du geschlafen als Zweiter bei der großen Heimrallye und mit dem großen Fragezeichen Getriebe auf deinen Schultern?

Ich habe überraschend gut geschlafen und war in der Früh topfit. In der ersten Samstagsprüfung war bis auf den fehlenden ersten Gang auch alles okay. Aber schon in der nächsten Prüfung hat sich auch der zweite Gang verabschiedet. Es war ein komisches Gefühl:Du willst den zweiten Gang einlegen und es kommt der vierte. Da war dann die Überlegung, gleich im dritten Gang zu fahren und die Kurven halt etwas runder anzufahren, weiter auszuholen. In der dritten Prüfung war es dann teils-teils...

Dann kam die Nachricht vom Ausfall des bis dahin führenden Niki Mayr-Melnhof - plötzlich warst du Rallyeleader....

Da möchte ich Niki meinen großen Respekt aussprechen! Er fuhr die Jännerrallye zum ersten Mal und hat sich bis zu seinem technischen Ausfall keinen Fehler erlaubt, das hat noch keiner geschafft. Und das, obwohl er der erste Wagen auf den Prüfungen war...

Wie lief es auf dem letzten „Ringerl“?

Ich hatte nur noch die Gänge 3, 4 und 5 zur Verfügung, aber ich habe beim Schalten gespürt, dass die Zahnräder noch in Ordnung waren. Auf der letzten Prüfung habe ich dann das ALS abgeschaltet, um das Getriebe zu schonen, da wir ja ausreichend Vorsprung hatten....

Dann kam das Ziel der letzten Prüfung...

Wir haben uns mordsmäßig gefreut - ich dachte, jetzt müssen wir ja nur noch die Verbindungsstrecke zum Parc ferme fahren, da wird das Getriebe ja nicht so beansprucht. Doch ungefähr auf der Hälfte der Strecke hat es wieder einen Kracher gemacht und ich stieg sofort auf die Kupplung - hernach jedoch hat sich das Getriebe angespürt, als würde ich in einer Salatschüssel umrühren. Es gab überhaupt keinen Antrieb mehr...

Ich nehme an, es ist schwer die Enttäuschung in Worte zu fassen?

Es war eine Katastrophe! Meine Heimrallye! Wo ich vor fünf Jahren zum allerersten Mal eine Rallye gefahren bin - dass ich die gewinnen könnte, hätte ich nie zu träumen gewagt. In einem alten Mazda, das wäre eine Sensation gewesen. Aber okay, wir haben gezeigt, dass wir es können. Es ist natürlich schade. Aber ich bin ja noch jung und irgendwann werde ich hoffentlich meine Heimrallye gewinnen dürfen.

Nächstes Jahr wieder in einem Mazda 323? Der scheint dir ja gut zu liegen...

Ich bin im Mitsubishi Lancer Evo3 auch gut zurechtgekommen. Aber einer meiner Sponsoren hat schon in der ersten Emotion angekündigt, dass wir nächstes Jahr in einem R5 sitzen werden. Meine Sponsoren sind ja alle aus der Freistädter Gegend und sie waren alle vor Ort und haben mitgefiebert und waren mega happy. Ich hätte ihnen so gerne diese Freude bereitet...

Du hast ja auch für eine spezielle Kampagne Werbung gemacht....

Ja, einer meiner Sponsoren sucht Lehrlinge und er würde 15 brauchen, es haben sich aber nur acht gemeldet. Da wurden jene Schnupperer, die sich gemeldet haben, eingeladen, mit mir beim Shakedown mitzufahren. Das kam gut an bei den Jungs, sie haben mich nachher auch im Service besucht.

Simon, du weißt: Die ORM ist mitunter auch eine „Schlangengrube“. Mir wurde ein wirklich böses Gerücht zugetragen. Demnach soll eine Zielankunft nie geplant gewesen sein, weil in dem Mazda ein bärenstarker Mitsubishi-Motor verbaut sein soll - was sagst du zu solchen Gerüchten?

Da sage ich nur: Neid ist die beste Anerkennung deiner Leistung.

Kommen wir zu einem viel schöneren Thema: Auf Facebook gab es regen Zuspruch, für die Fans bist du der „Sieger der Herzen“ - manche haben sogar von sich aus ein Crowdfunding vorgeschlagen, um deine Karriere zu fördern...

Ja, es ist unglaublich! Meine Fans sind einfach großartig. Du kannst dir nicht vorstellen: Seit meinem Ausfall habe ich auf Facebook 162 Freundschaftsanfragen erhalten.

Würdest du diese Jännerrallye als dein persönliches Highlight bezeichnen - auch wenn kein Ergebnis dabei herausgeschaut hat?

Ja, von der Leistung her hat es sicher gepasst, mein Copilot Gerald Winter und ich haben einen richtig guten Schrieb erarbeitet. Und so wie ein Raimund Baumschlager es nach so vielen Jahren regelrecht riechen kann, in welcher Kurve Split sein wird, so kann ich langsam auch schon riechen, wo es bei der Jännnerrallye eisig sein kann.

Dein Bruder Julian fuhr seine erste Jännnerrallye - was sagst du zu seiner Leistung?

Ich weiß wie gut Julian ist -aber diesmal hat er mich richtig überrascht. Dass er wild und ungestüm sein kann, wissen die meisten - doch das hat sich im Vorjahr geändert. Dass er gleich auf der ersten Prüfung, bei diesen schwierigen Bedingungen eine viertschnellste Zeit fahren konnte, in einem ihm unbekannten Auto, davor habe ich größten Respekt.

Gut, die eisigen Stellen wirst du ihm wohl gesagt haben, nehme ich an....

Ja, nur das ist als Junger schwierig, da willst du deine eigenen Erfahrungen machen. Mein Papa hat mir auch immer Dinge gesagt und ich habe trotzdem das gemacht, was mir richtig erschien. Natürlich haben wir Julian vor der Rallye gesagt, wo die heiklen Stellen sein werden - aber dass er das gleich so umsetzt, ringt mir wirklich großen Respekt ab.

Weil du vorhin Raimund Baumschlager erwähnt hast. Ich habe mit ihm für das deutsche Rallye Magazin (Print) anlässlich seines 14. Staatsmeistertitels ein Interview abgehalten. In diesem brachte er seine Bewunderung für euch als Piloten und als Familie zum Ausdruck. Zugleich aber sagte er, dass die Gefahr drohe, dass euch der finanzielle Atem ausgehen könnte und man vielleicht nur den schnelleren von euch beiden fördern solle...

(lacht) Naja, dann könnte er ja gleich damit anfangen und einen von uns beiden aussuchen und fördern. Der andere wird ihm auch nicht böse sein, wir halten zusammen als Brüder und freuen uns jeweils für den anderen. Im Ernst: In Österreich wird ohnehin zu wenig getan für den Nachwuchs. Aber: Wir schaffen das!

Den Satz habe ich schon mal anderswo gehört. Scherz beiseite. Was uns alle brennend interesssiert: Wie geht es bei dir weiter?

Da hoffe ich, dass ich in zwei bis drei Wochen mehr sagen kann. es wird ein Treffen mit allen Sponsoren geben und ich werde die nächsten Wochen hundertprozentig diesem Thema widmen. Ich denke, dass es eher ein internationales Programm sein wird...

Meinst du damit eine Fortsetzung deiner Karriere in der Tschechei oder eine internationale Rennserie?

Eher eine internationale Rennserie. Ich möchte neue Rallyes kennenlernen. Ich denke, dass es jetzt einfach darum geht, weiterzulernen...

Dann wünsche ich gutes Gelingen beim Schnüren eines Pakets für diese Saison...

Eines möchte ich unbedingt noch sagen: Vielen Dank an die Veranstalter der Jännerrallye. Es war eine großartige Rallye, überall haben uns Fans zugejubelt, es waren so unglaublich viele Fans hier, das gibt es in Österreich bei keiner anderen Rallye. Und was mich besonders beeindruckt hat: Die Veranstalter haben sich nicht beirren lassen und sind von den langen Kilometerdistanzen nicht abgewichen. Wir sind am Freitag spätabends hundemüde ins Bett gekommen und am Samstagmorgen zeitig in der Früh wieder raus - genau so gehört Rallyesport!

Johannes Keferböck im Interview Johannes Keferböck im Interview Bericht Birklbauer Bericht Birklbauer

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