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Die vierte Generation des BMW X5 ist nochmals gewachsen. Ob das dicke SUV nach wie vor agil ist, sehen wir uns im Test des 265-PS-Diesels an.

Text und Fotos: Johannes Toth

Seit der erste BMW X5 im Jahr 1999 in den Schaufenstern parkte, ist er mit jedem Modellwechsel gewachsen. So stehen wir derzeit bei 4,92 Metern Länge, zwei Metern Breite und einer Höhe von 1,74 Metern. Bei einer Stirnfläche von 2,9 Quadratmetern beträgt der Luftwiderstandsbeiwert aber trotzdem nur 0,31 cW. Zum Vergleich: der viel kleinere und schmal bereifte Elektro-BMW i3 liegt bei 0,29 cW.

Der Wachstumsschub ist schon am Exterieur deutlich erkennbar. Die Nüstern in Form der beiden BMW-Nieren sind aufgeplustert und wollen offensichtlich alles einsaugen, was nicht bei drei von der Straße ist. Die Kanten sind geschärft und die Radhäuser muskulöser ausgestellt. Die Räder wurden ebenfalls vergrößert und sind nun optional mit Felgendimensionen bis zu 22 Zoll – also 56 cm ohne Gummi – bestellbar.

Vermutlich werden viele Verkehrsteilnehmer eher das Heck mit den dreidimensionalen Heckleuchten und den in Chrom gefassten Auspuffrahmen sehen. Der Chrom umfasst und betont hier übrigens echte Endrohre. Bei den meisten Mitbewerbern wird eine Abgasauslassöffnung vorgetäuscht und schwarz verblendet. Der echte Auspuff wird dort hinter der Heckschürze versteckt und verschämt nach unten gerichtet.

Drinnen dann viel Luxus, der ins Auge springt. Beginnt schon bei der Neugestaltung der Materialien und Oberflächen von Getriebewahlhebel, Startknopf sowie Menü-Dreh- und Drückrad. Sind aus Glas, glitzernd geschliffen wie riesige Diamanten und sprechen dementsprechend ein bestimmtes Geschlecht besonders an. Bei der besten aller Ehefrauen weckt das unangenehme Reminiszenzen: „Erinnert mich an den Verlobungsring, den ich nie bekommen habe. Könnten wir nicht nächsten Samstag bei meinem Lieblingsjuwelier vorbeischauen?“

Ehrlich gesagt: darauf könnten wir verzichten. Auf anderes allerdings nicht, wie zum Beispiel die elektrischen Komfortsitze, die im optionalen Österreich-Paket enthalten sind. Diese sind vielfach verstellbar, unter anderem ist der Schulterbereich getrennt neigbar. Wie ab einem gewissen Fahrzeugniveau schön langsam Usus, verfügen sie selbstverständlich auch über Massagefunktionen.

Es finden sich jedoch noch weitere lässliche Luxus-Gimmicks, die sowohl den Status – direkt korrelierend dazu den Kaufpreis – als auch das Gewicht des Fahrzeugs in die Höhe treiben. Zum Beispiel eine im Glasdach integrierte Sternenhimmel-Beleuchtung. Oder eine auswechselbare Beduftungspatrone im Handschuhfach. Oder die Gentleman-Verstellmöglichkeit des Beifahrersitzes von der Fahrerseite aus.

Und nicht zu vergessen das schwarz-weiße Nachtsichtgerät. Je wärmer etwas ist, desto heller wird es dargestellt. Zusätzlich werden Menschen und Tiere ab der Größe eines Hundes erkannt und im einfärbigen Umfeld gelb hervorgehoben. Dieses Bild wird allerdings am mittleren Screen gezeigt und es erhebt sich die Frage, ob wir in einer Notsituation hypnotisch auf den Bildschirm starren, oder einen Unfall im echten Leben lieber mit einem Blick durch die Frontscheibe verhindern.

Wer immer wieder Boote, Wohnwagen oder Pferde nachziehen will oder gar muss, für den ist die elektrische Anhängerkupplung in Kombination mit der Luftfederung und der Heckkamera extrem praktisch. Wagen auf Minimumniveau senken und mit Hilfe der Heckkamera unter die Kupplung vom Anhänger reversieren. Luftfederung wieder anheben und dem Stallburschen galant winken, um das Stützrad hochzukurbeln. Aussteigen nicht nötig – und die frisch gereinigten Tod´s bleiben sauber für den Auftritt im Golfclub.

Schön ist, daß die Sprachsteuerung immer besser und freundlicher funktioniert, uns aber auch mit immer wieder leicht abgewandelten Antworten bei Laune hält. Auf „Hey BMW“ sagt sie „Wie kann ich behilflich sein?“ „Bring mich in die Wilhelminenstraße 68!“ Nun folgt zum Beispiel „Perfekt. Unser nächstes Ziel ist die Wilhelminenstraße 68“ oder auch „Los geht´s. Die Reisedauer beträgt 31 Minuten“.

Die Verschwörungstheoretiker unter uns überlegen schon lange, ob die Softdrinkhersteller und Fastfoodketten dieser Welt das Innendesign der heutigen Autos sponsern. Kein Fahrzeug kommt ohne die unpraktischen und in 90 Prozent der Fahrten ungenützten runden Ausnehmungen für Becher, Dosen und Flaschen aus. Aber endlich erfinden die bayerischen Interieurentwickler eine absolut sinnvolle Zusatzfunktion, die diese schwarzen Löcher zumindest zeitweise brauchbar machen: sie sind heiz- und vor allem kühlbar!

Sicherheitssysteme sind sowieso on board. Unzählige. Das unauffällige Überfahren von Stopp-Tafeln wird immer schwieriger. Beim scharfen Zufahren auf eine solche reagiert der X5 mit lautem Biep Biep und erröteten Armaturen. Querende Fußgänger werden erkannt und vor einer drohenden Kollision wird per rotem Querbalken in den Armaturen plus Tonsignal gewarnt. Bremsen wird Big Brother X5 wohl auch. Das haben wir aber dann mangels freiwilliger Testpersonen doch nicht ausprobiert.

Womit wir beim Fahren sind. BMW verspricht – eh klar – den agilsten X5 ever. So gesehen richtig. Der Dreiliter-Sechszylinder-Dieselmotor bewegt mit 265 PS und 620 Nm immerhin knapp 2,2 Tonnen. Und das durchaus flotter als erwartet. Wenn grad notwendig, geht´s in nur 6,5 Sekunden auf 100 km/h. Bei 230 km/h ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Der X5 kann also mit sportlichen Werten aufwarten und lässt sich durchaus flott bewegen, ist trotz optionaler Wankstabilisierung aber konstruktionsbedingt natürlich kein Sportwagen.

Das 8-Gang Steptronic Getriebe reicht die Gänge geschmeidig durch. Bemerkenswert – weil nicht bei allen Mitbewerbern selbstverständlich – dass sich das Auto sehr gut dosierbar und ohne Ruckeln ganz langsam über Schrägen oder Hindernisse wie Bordsteinkanten manövieren lässt.

Die günstigste Möglichkeit, einen X5 zu chauffieren ist unser 30d in der Basisversion um 75.800 Euro. Freilich wird man durch die umfangreiche Zusatzaustattungsliste verleitet, ein bisschen mehr dazu zu bestellen, und vieles ist in Paketen zusammengefasst günstiger. Trotzdem summiert sich das dann mit M-Sportpaket, Österreichpaket, Wärmepaket, First-Class Paket sowie Laserlicht, 22 Zöllern, Anhängerkupplung und vielem mehr in unserem Testwagen doch auf 118.546 Euro.

Der Durchschnittsverbrauch wird werkseitig mit 6,0 Litern auf 100 km angegeben. Das ist für ambitionierte Fahrer vermutlich ein schwer zu realisierender Wert. Im knackigen Testbetrieb ermittelten wir 7,9 Liter.

Plus
+ nicht nur außen groß, sondern auch innen geräumig
+ für diese Fahrzeuggröße sparsamer Verbrauch
+ Sprachsteuerung funktioniert sehr gut
+ viele Funktionen sind nach wie vor manuell ohne Touchscreen anwählbar
+ die optionale Luftfederung dämpft optimal und ermöglicht manuelle Höhenverstellung zum Beladen

Minus
- enorme Breite, großer Wendekreis: beim Rangieren unhandlich
- das digitale Armaturen-Screendesign ist nicht jedermanns Sache
- Heck-Kamera liegt ungeschützt außen und verschmutzt rasch

Resümee
Groß ist er geworden, der neue BMW X5. Wobei er sich - außer beim Rangieren - trotzdem recht leichtfüßig bewegen lässt. Wer also etwas auswärts wohnt, oder genug Platz in der Garage hat, und gleichzeitig einen starken Auftritt in Freizeit und Business benötigt, wird sich den Dicken genauer ansehen. Wie in dieser Fahrzeugklasse üblich, ist leider auch ein bisschen Kleingeld unter der Matratze hervorzuholen, um damit nach Hause fahren zu können.

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