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Motorsport: Interview Nissan GT-R, Super-GT 2013

DTM zu teuer und zu deutsch

Nissan stellt bei seinen Motorsport-Einsätzen Marketingerwägungen in den Vordergrund, die das Tourenwagen Masters nicht erfüllen kann.

Fotos: © 2013, SUPERGT.net

Nachdem sich die DTM dank des BMW-Einstiegs stabilisiert hat, versucht sie nun zu neuen Ufern aufzubrechen; genauer gesagt nach Japan und nach Nordamerika, um lokale Hersteller für das Reglement zu begeistern. Im Land der aufgehenden Sonne, wo in der populären Super-GT-Serie ab 2014 Rennautos nach den Statuten der deutschen Serie erlaubt sein werden, ist neben Toyota und Honda auch Nissan ein Objekt der Begierde – der Konzern aus Yokohama scheint derzeit allerdings wenig interessiert.

Gründe gibt es viele – und Jerry Hardcastle zählt sie im Gespräch mit motorsport-total.com auf. "Das Problem für mich ist: Welchen Effekt würden wir erzielen?", fragt der Motorsport-Chef von Nissans Haustuner und Rennsport-Label Nismo. Er fordert, die kommerziellen Aspekte in den Vordergrund zu stellen: "Am Ende ist Motorsport eine Marketingaktivität, und wir wollen mehr Autos verkaufen." Das Problem: Diese Überlegungen sprechen ganz klar gegen die DTM und für die zahlreichen Alternativen in Europa.

Hardcastle schildert die Crux an einem Beispiel: "Ich bin in der Motorsport-Welt zuhause, aber auch in Großbritannien. Da hat die DTM so gut wie gar kein Echo. Vielleicht bei einem Rennen, und zwar wenn die Serie nach Brands Hatch kommt. In Deutschland ist das eine große Sache." Aus der Sicht des Nissan-Verantwortlichen besitzt die Serie mit Audi, BMW und Mercedes vorrangig nationalen Charakter, sodass er sich sogar fragt: "Wollen die deutschen Fans nur deutsche Fabrikate gegeneinander fahren sehen?"

Auch China, Indien und Brasilien im Blick

Diese Überlegung bleibt nicht auf die Basis-DTM beschränkt, sondern betrifft auch ihren jüngsten Partnerserie, in der Nissan seit geraumer Zeit mitmischt: "Es ist das Gleiche in Japan: Wir haben in die Super-GT eine Menge Geld investiert, dort Superstars geformt, wie Michael Krumm einer ist. In Großbritannien? Interessiert es keinen." Der deutsche Werkspilot gilt in Asien, wo er seit Jahrzehnten lebt und arbeitet, als echtes Aushängeschild – seine Prominenz währt aber nicht über Landesgrenzen hinaus.

"Ich mag falsch liegen, aber in Japan gibt es wohl kaum jemanden, der sich DTM-Rennen ansieht – aber Tausende, die Super-GT schauen", so der Nismo-Motorsportchef weiter. Eine deutsch geprägte DTM, wie sie aus seiner Sicht derzeit besteht, würde dem Anspruch des mit Renault verbundenen Weltkonzerns Nissan wohl einfach nicht gerecht. Anforderung ist es, zumindest kontinentale Reichweite zu erzielen – macht in Zeiten aufstrebender Schwellenländer aber nicht Halt in den alten Wirtschaftszentren: "Priorität genießen Japan, Europa sowie Nordamerika. Wir müssen auch schauen, was in China, Indien und Brasilien passiert."

Nebenbuhler aus der GT- und Rallye-Szene

Hardcastle betont, sich als Ingenieur, der er von seiner Ausbildung her ist, gerne in einer Serie engagieren zu wollen, die in Sachen Technik und Fahrern zur "Champions League" des Geschäfts zählt – doch der rein sportliche Aspekt ist eben nicht der entscheidende, wie ein Blick in die Geschäftsbücher deutlich macht. Nissans Marktanteil in Europa liegt bei 4,3 Prozent, in Mexiko wird er mit rund 25 Prozent beziffert. "Es ist ein Kampf, wohin das Geld fließt", erklärt der in der Motorsport-Welt äußerst gefragte Hardcastle.

Denn ITR-Boss Hans-Werner Aufrecht ist bei weitem nicht der einzige, der ihn ständig kontaktiert. "Stéphane Ratel versucht entschieden, alle Hersteller in eine GT3-Klasse zu bekommen, die Formel 1 will neue Motorenhersteller anlocken, die Leute von der Rallye-WM rufen mich monatlich, wenn nicht sogar wöchentlich an – jeder hätte Nissan gerne", erklärt Hardcastle. Mit seiner Luxusmarke Infiniti ist man bereits als Sponsor in der Formel 1 engagiert. Bleibt da noch Platz für andere Spielplätze?

Das Marketing verlangt Geschichten

"Als Ingenieure würden wir das alles auch gerne verwirklichen, aber finanziell muss man eine Auswahl treffen und das Wichtigste sondieren", stellt der Brite klar. Momentan scheint diese Gunst ein anderes Projekt in Deutschland zu genießen, dessen Strahlkraft gemeinhin unterschätzt wird. Gemeint ist das 24h-Rennen auf dem Nürburgring, das Nissan in diesem Jahr mit einem nach GT3-Reglement aufgebauten GT-R in Angriff genommen hat. Hardcastle misst einem möglichen Sieg beim Eifelmarathon einen größeren Effekt bei als einem DTM-Titel.

Der Grund: Der in Asien äußerst beliebte Klassiker, der derzeit trotz der ungewissen Zukunft des Rings eine Renaissance erlebt, erlaubt es Nissans Marketingstrategen, eine Gesichte zu erzählen. "Bei der DTM bin ich mir nicht sicher, ob das geht", zweifelt Hardcastle und entdeckt noch mehr Argumente, die dem deutschen Championat mit einerseits vielen Einheitsteilen, aber andererseits auch viel Hochtechnologie nicht zugute kommen: "Betrachte ich die finanziellen Aspekte, bin ich mir sicher, dass es teurer wäre, in die DTM zu gehen."

Testfahrten nicht fehlinterpretieren

Für zu anspruchsvoll hält Hardcastle die DTM für Nismo, in den vergangenen beiden Jahren Sieger der Super-GT, nicht: "Wir sind eine Rennsport-Truppe, wir können da mithalten." Ist das Gerüst erst einmal komplett identisch, könnten so die Kosten sinken, und die DTM sowie ihr für 2015 geplantes US-Pendant vielleicht doch noch attraktiv werden. Schon im Sommer sollen in Japan vollständig nach dem gemeinsamen Reglement gebaute Autos ausrollen. Dass das Monocoque für Fahrerwechsel angepasst werden muss, sieht Hardcastle eher als Bagatelle.

Den Test an sich will er nicht überbewertet wissen und weist es von sich, dass mit der Aktion irgendein spezielles Interesse an der DTM verbunden wäre: "Diese Geschichte lässt sich umdrehen, aber: Das japanische Auto wird natürlich getestet, weil wir an der japanischen Serie teilnehmen." ITR-Boss Aufrecht hatte anlässlich des Saisonauftaktes in Hockenheim verkündet, schon 2015 mit japanischen Herstellern in der Basis-DTM zu rechnen. "Wenn er sich sicher ist, meint er damit ganz bestimmt nicht Nissan ...", so Hardcastle abschließend gegenüber motorsport-total.com.

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