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WEC: Le Mans

Toyota-Doppelsieg in Le Mans

Fernando Alonso, Sébastien Buemi und Kazuki Nakajima triumphieren in Le Mans; Lietz auf Platz 2 der GTE-Pro.

Fernando Alonso, Kazuki Nakajima und Sebastien Buemi haben die 86. Ausgabe der 24 Stunden von Le Mans gewonnen. Im 20. Anlauf hat es die Toyota Motorsport GmbH damit zum ersten Mal geschafft, den Sieg beim berühmtesten Langstreckenrennen der Welt einzufahren. Die Toyota TS050 Hybrid waren das ganze Rennen über dominant und hatten keine wirklichen Gegner.

Es stellte sich damit von Anfang an nur die Frage, welcher der beiden Toyotas das Rennen gewinnen würde. Das Schwesterfahrzeug von Mike Conway, Kamui Kobayashi und Jose-Maria Lopez forderte Alonso/Nakajima/Buemi heraus, hatte aber letztlich nicht die Pace der drei aktiven beziehungsweise ehemaligen Formel-1-Piloten. Das zeigte sich in den ersten Stunden noch nicht, als die beiden Toyotas im Paarflug um die Strecke fuhren.

Interessant wurde es erst in den Abendstunden: Der Toyota #8 erhielt eine 60-Sekunden-Stop-&-Go-Strafe für zu schnelles Fahren in einer Slow Zone. Dadurch öffnete sich ein Loch von 2:10 Minuten zwischen den beiden TS050 Hybrid. War das Rennen damit schon entschieden? Böse Zungen mögen zu diesem Zeitpunkt gesagt haben: "Mal schauen, was sie sich noch einfallen lassen, um die #8 vorbei zu bringen."

Wie sich zeigte, was so etwas gar nicht nötig. Denn nun wurden die TS050 Hybrid von der Leine gelassen und durften gegeneinander fahren. Und hier zeigte sich: Die #8 war deutlich stärker, weil auf der #7 nur Kamui Kobayashi das nötige Tempo hatte. Alonso persönlich feierte in der Nacht einen unfassbaren Vierfachstint ab und machte nicht weniger als 90 Sekunden gegen das Schwesterfahrzeug gut. Teamkollege Nakajima vervollständigte anschließend den Job und fuhr die Lücke zu.

Am Sonntagmorgen übernahm die #8 mit Nakajima am Steuer die Spitze und gab diese bis ins Ziel nicht mehr ab. Die endgültige Entscheidung fiel, als Kamui Kobayashi 90 Minuten vor Schluss einen Fehler machte und die Boxengasse verpasste. Dadurch musste er mit minimalen Spritreserven in langsamer Fahrt um den Kurs schleichen. Danach gab es noch eine Strafe obendrauf, weil er die maximale Stintlänge überschritten hatte. Damit war das Rennen endgültig entschieden, sodass Toyota ein schönes Fotofinish arrangieren konnte und der Wunschkandidat mit zwei Runden Vorsprung gewann.

Scheinbar hatten auch in der TV-Regie einige Toyota den Sieg gegönnt, denn beim Alonso-Interview nach dem Rennen vergaß jemand, den Ton aufzudrehen. Aber seine Teamkollegen äußerten sich hörbar. Kazuki Nakajima saß wie schon 2016 im Schlussstint im Auto. Diesmal meldete er keinen Leistungsverlust, sondern durfte feiern: "Endlich! Das ist das richtige Wort. 2014 und 2016 haben wir bittere Erinnerungen gemacht. Diesmal haben wir es geschafft. Seb hat fantastische Arbeit geleistet, und Fernando ist in der Nacht hervorragend gefahren. Ich bin sehr stolz darauf, Teamkollege der beiden zu sein."

Sebastien Buemi fügt hinzu: "Ich kann es nicht in Worte fassen. Die Erinnerungen an 2016 waren noch da und wieder saß Kazuki in den letzten Runden im Auto ... Es ist unbeschreiblich. Wir haben so lang gewartet. Die ganze letzte Stunde hatten wir diese Bilder von 2016 im Kopf. Aber jetzt ist es geschafft."

Private LMP1 chancenlos

Echte Gegner hatte Toyota nicht wirklich. Die privaten LMP1 fuhren faktisch in einer anderen Klasse. Ob wegen des Reglements oder des Rückstands beim Budget, sei einmal dahingestellt. Lediglich Rebellion war in der Lage, über 24 Stunden hinweg nahezu ohne Probleme durchzukommen - von einem kurzen Service bei beiden Fahrzeugen während der Nacht einmal abgesehen. Hier fiel die teaminterne Entscheidung bereits kurioserweise in der ersten Runde: Nach einer Berührung löste sich die Frontpartie am Rebellion #1 (Lotterer/Jani/Senna). Die Reparatur kostete knapp zwei Runden. So holte sich der Rebellion #3 (Laurent/Beche/Menezes) den letzten Podiumsplatz.

Sie mussten zumindest anfänglich kämpfen, denn als Herausforderer kristallisierte sich der SMP-BR1 #17 (Sarrazin/Orudschew/Issaakjan) heraus, der im ersten Rennviertel Rebellion mehr zu schaffen machte als die es wohl selber erwartet hätten. Der Dallara BR1 lag auf Rang drei, doch dann machte Matewos Issaakjan nach Spa schon den zweiten Fehler und warf das Auto in Maison Blanche raus. Es folgten herzzerreißende Szenen: Der junge Russe reparierte eine halbe Stunde lang den zerstörten LMP1. Doch als er dann wieder losfuhr, hauchte der AER-Motor Feuer und Dampf speiend sein Leben aus - Ende der Dienstfahrt.

Der andere SMP-Dallara, auf dem unter anderem Jenson Button saß, fiel schon zu Beginn des Rennens mit Motorproblemen zurück. Mit 50 Runden Rückstand nahmen Petrow/Aljoschin/Button das Rennen auf und hielten fast durch, doch eine vor Schluss musste Button den Boliden mit Motorschaden abstellen. Der dritte Dallara, der DragonSpeed-BR1 #10 (Hedman/van der Zande/Hanley), schied wie auch der ByKolles-CLM #4 (Webb/Kraihamer/Dillmann) nach Unfall aus. Die Manor-Ginettas fuhren länger als die meisten es wohl erwartet hätten, stolperten aber letztlich über ihre technische Unausgereiftheit.

In der LMP2 gab es nie einen Zweifel am Sieger, zu dominant war die Fahrt des G-Drive-Orecas #26 (Russinow/Pizzitola/Vergne), der das Rennen mit zwei Runden Vorsprung gewann. Ex-Formel-1-Fahrer Jean-Eric Vergne fuhr schon im ersten Stint allen auf und davon und bescherte seinem Team damit einen ansehnlichen Vorsprung, weil man so am Samstagabend einen anderen SC-Zug erwischte als die Gegner. In Le Mans gibt es bekanntermaßen drei Safety-Cars. Doch auch danach war der Oreca 07 von G-Drive Racing unschlagbar und baute den Vorsprung auf über zwei Runden im Ziel aus.

Um Platz zwei kämpften lange Zeit der Alpine #36 (Lapierre/Negrao/Thiriet) und der Panis-Barthez-Ligier #23 (Buret/Canal/Stevens). Der Kampf wurde entschieden, als den einzigen in der Spitzengruppe vertretene Ligier JS P217 ein Kupplungsdefekt ereilte. So komplettierte hinter Signatech Alpine der Graff-Oreca #39 (Capillaire/Hirschi/Gommendy) das Podium in der kleinen Prototypenklasse. Oreca war in der LMP2 wieder tonangebend, wenn auch nicht so dominant wie noch 2017 bei der Premiere der neuen LMP2-Generation.

Das einzige Fahrzeug, das den Siegern vom Speed her gewachsen war, war der TDS-Oreca #28 (Perrodo/Vaxiviere/Duval). Doch zunächst verlor man durch das Safety-Car an Boden, dann musste der Oreca für zwei Runden an der Box repariert werden, später drehte sich Matthieu Vaxiviere in der Ford-Schikane in den Kies. So fiel man auf Position vier zurück. Juan Pablo Montoyas theoretische Chancen auf die Triple Crown des Motorsports erhielten einen Dämpfer, als er den United-Autosports-Ligier #32 (Montoya/de Sadeleer/Owen) in der Indianapolis-Kurve in er Abenddämmerung im Kiesbett versenkte. Das Trio kam auf die fünfte Position.

Völlig verwachst hat bei diesem Rennen Jackie Chan DC Racing, das im Vorjahr noch an der Sensation des Gesamtsieges geschnuppert hatte. Keiner der vier Orecas kam ohne Probleme durch, letztlich landete die #37 (Jaafar/Jeffri/Tan) nach Problemen in der Anfangsphase und einem Ausrutscher in der Nacht auf Position sechs. Als bester Dallara P217 sah Racing Team Nederland #29 (van Eerd/Lammers/van der Garde) die Zielflagge auf Platz neun der LMP2, obwohl der gelbe Bolide in der Nacht teils feuerspeiend unterwegs war.

Zum 70. Jubiläum fielen alle Feiertage für Porsche zusammen, denn schon in den frühen Abendstunden am Samstag war das GTE-Pro-Rennen faktisch entschieden: Der Porsche #92 (Christensen/Estre/Vanthoor) hatte gerade gestoppt, als es eine Safety-Car-Phase gab. Trotz des Stopps erwischte der 911 RSR noch denselben SC-Zug, in dem auch die Gegner weiter vorne lagen, die noch nicht gestoppt hatten. Das war die Entscheidung.
Denn nun mussten alle anderen GTE-Pro-Autos an die Box kommen, wodurch sie einen SC-Zug zurückfielen. Als dann neu gestartet wurde, hatte die "Sau", der schweinchenrosafarbene Retro-Elfer #92, 1:40 Minuten Vorsprung auf alle anderen. Im wahrsten Sinne des Wortes Schwein gehabt. Nötig wäre dieses Geschenk des Schicksals vermutlich nicht gewesen, denn Porsche hatte trotz aller BoP-Anpassungen das stärkste Paket bei den 24 Stunden von Le Mans 2018.

So holten Michael Christensen, Kevin Estre und Laurens Vanthoor einen ungefährdeten Sieg. Einzig Ford konnte das Tempo der Porsche 911 RSR mitgehen, Letztere konnten aber immer ein Brikett nachlegen, als es drauf ankam. So lieferten sich der Porsche #91 (Lietz/Bruni/Makowiecki) und der Ganassi-Ford #68 (Hand/Müller/Bourdais) ein teilweise hartes Duell auf der Strecke, das sogar eine Untersuchung durch die Rennkommissare nach sich zog, obschon keine Strafen ausgesprochen wurden. Am Ende behielt der Porsche knapp die Nase im Kampf um Platz zwei vorn.

Ford belegte die Plätze drei und vier; hinter der #68 aus dem US-Ableger von Ganassi kam der europäische Ford #67 (Priaulx/Tincknell/Kanaan) auf die vierte Position. Dieser war in teils heftige Kämpfe mit Gegnern verwickelt, die sich selbst ein Bein stellten: Der AF-Corse-Ferrari #52 (Vilander/Giovinazzi/Derani), die Speerspitze der Italiener, fing sich mehrere Strafen ein und wurde nur Sechster, die beiden BMW M8 GTE litten unter Kinderkrankheiten.

Lediglich die Corvette #63 (Magnussen/Garcia/Rockenfeller) fuhr ohne Probleme durch, hatte aber eine zu schlechte Einstufung, um vorne mitzumischen. Ein bitteres Rennen für Corvette Racing beim 20-jährigen Bestehen, denn wirklich in Szene konnten sich die Pratt-&-Miller-Boliden die ganze Woche über nicht setzen. Angesichts dessen ist Platz fünf fast schon ein Erfolg.

Noch schlimmer lief es für BMW und Aston Martin: Die MTEK-Mannschaft wurde von Dämpferproblemen überrascht, die in keinem 30-Stunden-Test jemals aufgetreten waren. Das warf beide M8 GTE zurück. Ein Unfall beendete das Rennen der #82 (Farfus/da Costa/Sims) in den Porsche-Kurven am Sonntagvormittag, das Schwesterfahrzeug #81 (Tomczyk/Catsburg/Eng) hatte neben den Dämpfer- auch noch Kühlprobleme und verlor dadurch weiter an Boden. Letztlich sah der M8 die Zielflagge als Zwölfter mit ebenso vielen Runden Rückstand. Doch die Vorstellung macht Mut, denn die M8 waren besser dabei als erwartet.

Das lässt sich über Aston Martin nicht sagen. Die brandneuen Prodrive-Vantage gingen völlig unter. Nicki Thiim hatte zwischenzeitlich sogar Motivationsprobleme, wie er zugab. Ob das BoP-Lied angestimmt werden muss oder die Fahrzeuge mit nur einem Rennen Vorbereitung schlicht noch nicht bereit waren, werden Analysen zeigen müssen. Fakt ist: Der Aston Martin #95 (Sörensen/Thiim/Turner) kam ohne Probleme über die Distanz und wurde mit vier Runden Rückstand Neunter, Schwesterfahrzeug #97 (Lynn/Martin/Adam) hatte technische Probleme und wurde sogar vom Safety-Car überholt.

Die Porsche-Dominanz zeigte sich auch in der amateurkategorie. Hier fuhr der Proton-Porsche #77 (Campbell/Ried/Andlauer) einen ungefährdeten Sieg ein, gefolgt von den Ferrari 488 GTE #54 (Flohr/Castellacci/Fisichella) und #85 (Keating/Bleekemolen/Stolz). Der Sieg war nie wirklich in Gefahr und Proton konnte bequem verwalten. Die anderen beiden 911 RSR, der Gulf-Porsche #86 (Wainwright/Barker/Davison) und der Proton-Porsche #88 (Cairoli/Al Qubaisi/Roda), schieden aus oder fielen weit zurück.

Einen etwas unrühmlichen (voraussichtlichen) Abschied vom Circuit de la Sarthe erlebte die altehrwürdige Generation des Aston Martin Vantage: Sowohl der werksunterstützte AMR-Bolide #98 (Lamy/Dalla Lana/Lauda) als auch der TF-Sport-Aston Martin #90 (Yoluc/Hankey/Eastwood) sahen die Zielflagge nicht. Paul Dalla Lana hatte wie schon 2015 einen Abflug, allerdings diesmal wenigstens schon am Abend und nicht erst in der letzten Stunde.

Eine Geschichte, die das Rennen am Rande schrieb: Für alle zwölf Klassensieger bei den 24 Stunden von Le Mans 2018 war es ein Premierensieg. Nach der 86. Auflage des Rennens und dem lang ersehnten Toyota-Sieg geht es für die Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) in eine zweimonatige Pause, bevor es am 19. August mit den 6 Stunden von Silverstone weitergeht.

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