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Achim Mörtl Kolumne: Bummeltempo
Foto: At-World

Finnland im Bummeltempo: Was 5s/km im echten Sport bedeuten

Als Reaktion auf die Kolumne von Peter Klein hat sich nun auch motorline.cc-Kolumnist und Ex-Staatsmeister Achim Mörtl zu Wort gemeldet: Über die sportliche Entwertung der Stoppuhr und die absurde Vermarktung im WRC Masters Cup

Achim Mörtl

Wer jemals im Leistungssport auf nennenswertem Niveau unterwegs war, kennt das unbarmherzige Diktat der Stoppuhr. Sie kennt keine Ausreden, keine geschönten PR-Formulierungen und keine Gefälligkeiten. Sie teilt das Feld blitzschnell in zwei Kategorien ein: in jene, die sportliche Höchstleistung erbringen – und in jene, die dem Feld hinterherfahren. Anders ausgedrückt: Durch sie wird die sportliche Wertigkeit objektiv messbar.

Was jedoch bei der 75. Auflage der Rallye Finnland im sogenannten WRC Masters Cup geboten wurde, schlägt jedem echten Leistungsgedanken mit dem Vorschlaghammer ins Gesicht. Wenn ORF-Reporterlegende Peter Klein spöttisch feststellt, dass jemand das Gefühl hatte, da fahre jemand „mid’m Voglhäusl um die Müch“, schlägt das das eigentliche Ausmaß dieser sportlichen Katastrophe fast noch versöhnlich nieder. Man muss dazu nur die nackten Zahlen der offiziellen Stoppuhr ins Verhältnis zu anderen Sportarten setzen, um zu begreifen, welch eklatante Lücke sich da aufgetan hat.

Der Streif-Vergleich: Wenn der Exot 20 Sekunden Rückstand kassiert

Schauen wir uns die Realität der 30 Kilometer langen Königs-Etappe von Himos-Jämsä an. An der Spitze der WRC2-Klasse schenkten sich die Top-10-Piloten absolut nichts – sie lagen nach 30 Kilometern am Limit gerade einmal mickrige zehn Sekunden auseinander.

Und dann kommt Johannes Keferböck im Toyota GR Yaris Rally2. Sein Rückstand auf dieser einen Prüfung beträgt satte zwei Minuten und 30 Sekunden. Das entspricht rechnerisch fast 5 Sekunden Zeitverlust pro Kilometer und einer Geschwindigkeitsdifferenz von realistischen 20 km/h – wohlgemerkt auf die Fahrerkollegen im baugleichen WRC2-Material.

Um die Absurdität dieser Zahl zu begreifen, muss man sie ins Verhältnis zu anderen Disziplinen setzen, die eine ähnliche Durchschnittsgeschwindigkeit aufweisen: Auf der Kitzbüheler Streif: Die Hahnenkamm-Abfahrt misst rund 3,3 Kilometer. Wer dort pro Kilometer fünf Sekunden verliert, kommt im Ziel mit 15 bis 20 Sekunden Rückstand an. Das sind übrigens jene Exoten aus Exoten-Skinationen (wie z. B. aus Afrika), die vielleicht fünfmal im Jahr Skifahren gehen und nur im Zuge von Großereignissen eine Startberechtigung erhalten. Läufer, bei denen man als Zuschauer vor dem Fernseher Stoßgebete gen Himmel schickt und jedes Mal zittert, ob sie überhaupt heil und am Stück im Zielraum ankommen.

Vom Schreckgespenst der Junior-Klasse vorgeführt

In der WRC heißt das auf gut Deutsch: Man parkt auf der Wertungsprüfung gedanklich bereits an der nächsten Raststätte. Es ist sportlich schlichtweg unterirdisch. Dass gleich ein halbes Dutzend Nachwuchsfahrer aus der leistungsschwächeren RC3-Juniorenklasse (Rally3) mit weitaus weniger PS im fliegenden Wechsel an den Masters-Piloten vorbeizog, unterstreicht die dramatische Bilanz dieser Darbietung.

Das eigentliche Drama liegt jedoch nicht im dargebotenen Tempo an sich. Es sei jedem vermögenden Gentlemen-Driver gegönnt, sich für teures Geld im High-Tech-Rallyeauto den Kindheitstraum von den finnischen Sprungkuppen zu erfüllen. Wenn man jedoch im Bummeltempo durch die Wälder rollt und im Ziel den vorletzten – und gleichzeitig letzten – Platz einer Zwei-Mann-Kategorie belegt: Wie kann man da ernsthaft hergehen und diese Vorstellung in der Außendarstellung auch noch als sportlichen Erfolg vermarkten?

Das Format als PR-Katalysator: Wenn das Reglement die Steilvorlage liefert

Dass sich die Wahrnehmung eines solchen Rennwochenendes so drastisch spaltet, liegt nicht zuletzt in der Ausrichtung des WRC Masters Cup selbst begründet. Die FIA wollte mit dieser Wertung eine Plattform für erfahrene Gentlemen-Driver über 50 schaffen. Wenn jedoch bei einer Traditionsveranstaltung wie der Rallye Finnland exakt zwei Fahrzeuge in dieser Kategorie an den Start gehen, gerät das sportliche Fundament ins Wackeln. Das Format schafft ein Schlupfloch für die eigene Außendarstellung: Es ermöglicht es Teams, das bloße Zielerreichen im Schneckentempo in ein offizielles Cup-Resultat umzumünzen und pressewirksam zu vermarkten. Man muss sich die ehrliche Frage stellen: Wie würde eine Presseaussendung eigentlich aussehen, wenn es diesen Masters Cup nicht gäbe und ein Team schlicht mit fünf Sekunden Rückstand pro Kilometer in der regulären WRC2-Klasse ins Ziel käme? Ohne das Label des Cups bliebe am Ende nur die nackte Zahl der Stoppuhr – und die ließe sich in keinem PR-Verteiler der Welt mehr als Meisterschaftserfolg verkaufen.

Die Lücke zwischen Stoppuhr und PR-Rhetorik

Dass man in glattgebügelten Pressemitteilungen eine solche Vorstellung als „harte Challenge“ verkauft und das Ganze als taktischen Meisterschaftserfolg umdeutet, tut jedem Menschen, der jemals ehrlichen Leistungssport betrieben hat, in der Seele weh.

Wo junge Nachwuchstalente ohne Budget mit dem Messer zwischen den Zähnen um jeden Sponsoreneuro kämpfen und ihr Leben riskieren, um eine halbe Sekunde herauszukratzen, stellt sich das Team Keferböck hin und feiert 17 geschenkte Punkte aus einem Zwei-Kandidaten-Bewerb als motorsportlichen Meilenstein. Das ist keine Taktik, das ist die Entwertung des Leistungsprinzips.

Ein Masters-Cup-Ergebnis, das primär darauf basiert, dass die Konkurrenz gar nicht erst anreist und man selbst mit Exoten-Abstand ins Ziel stottert, besitzt absolut null sportliche Bedeutung. Es wird Zeit, dass wir aufhören, erkaufte Anwesenheitszeugnisse als Heldentaten zu verkaufen. Wer fünf Sekunden pro Kilometer verliert, fährt keine Meisterschaft – er macht eine sehr teure Sightseeing-Tour. Und wer das danach als sportliche Großtat verkauft, entlarvt nur die klaffende Lücke zwischen der PR-Formulierung und der knallharten Realität auf der Stoppuhr.

Kolumnen und Kommentare spiegeln die Meinung des jeweiligen Autors wieder und stellen nicht zwingend die Meinung der Redaktion dar.

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