RALLYE

  • Motorline auf Facebook
  • Motorline auf Twitter
Austrian Rallye Legends 2015

Franz Wittmann im Interview: „Mit WRCs hätte Raimund wieder Gegner!“

Franz Wittmann steigt bei der Austrian Rallye Legends ins Cockpit – in einem Interview spricht er sich für die Zulassung von WRCs in Österreich aus.

Michael Noir Trawniczek
Fotos: ARBÖ Admont

Franz Wittmann ist auch mit 65 ein vielbeschäftigter Mann – der zwölffache Rallye-Staatsmeister leitet im Adamstal einen der größten Golfklubs und ist auch als Golfer viel unterwegs. Als ehemaliger Rallyepilot macht sich Wittmann rar, nur bei ausgesuchten Veranstaltungen wie der Ennstal-Classic oder der deutschen Eifel-Rallye tritt er sporadisch in Erscheinung, zündet den einen oder anderen Boliden aus seiner langen, beispiellosen Karriere.

Für die zweite Ausgabe der Austrian Rallye Legends powered by ARBÖ konnte er sich den Donnerstag freischaufeln: Franz Wittmann wird an diesem Tag wieder einmal ins Cockpit steigen und den Shakedown in der Haller Zirnitzarena bestreiten - schon im Vorjahr, bei der großartigen Premiere der ARL wurde der Shakedown von den Rallyefans geradezu gestürmt.

Im Vorfeld seines großen Auftritts gab Franz Wittmann ein Interview, erklärte den zurzeit anhaltenden Historic-Boom, nahm zur aktuellen Diskussion um eine Öffnung der heimischen Rallye-Staatsmeisterschaft Stellung und machte sich Gedanken um die Gegenwart und Zukunft seines geliebten Sports. Wie immer sprach Wittmann Tacheles – schonungslos und unverblümt.

‚Entweder fahre ich richtig Rallye oder gar nicht!‘ – ein Zitat von dir und eine ehrliche Begründung dafür, warum du nur bei ausgesuchten Classic- und Historic-Events ins Cockpit steigst. Für die Austrian Rallye Legends machst du eine Ausnahme – warum?

Zum einen sicher, weil ich den Veranstalter Kurt Gutternigg mag und seine langjährigen Bemühungen um den Rallyesport begrüße – zum anderen ist die Austrian Rallye Legends eine gesellschaftliche Veranstaltung, bei der wir die alten Autos wieder einmal herzeigen, die goldenen Zeiten des Sports aufleben lassen können.

Das Ganze ist sehr publikumsnah organisiert und so können wir den Fans etwas zurückgeben. Es hat sicher auch etwas mit Nostalgie zu tun – zugleich kommen aber auch sehr viele junge Leute, die sich für unsere Ära interessieren. Im Grunde ist bei solchen Veranstaltungen alles so, wie es früher war – nur eben ohne Druck. Es ist eine tolle Veranstaltung, wenngleich es natürlich keine sportliche Veranstaltung, kein sportlicher Wettkampf ist.

Wie erklärst du dir das Phänomen, dass immer mehr Rallyefans zu den historischen Events pilgern? Welche Sehnsucht steckt hinter dem Histo-Boom?

Die Fans kommen zu solchen Veranstaltungen, weil das zu unserer Zeit noch echter, spannender Rallyesport war! Da gab es fünf bis zehn Piloten, die einander bekämpft haben, zur Jännerrallye kamen 500.000 Fans – was da los war! Das kannst du dir heute gar nicht mehr vorstellen. Da hatte ich als Rallyepilot den gleichen Bekanntheitsgrad wie ein Niki Lauda oder ein Gerhard Berger, da hatte der Rallyesport bei uns noch einen ganz anderen Stellenwert.

Warum ist dieser Stellenwert deiner Meinung nach gesunken?

Das hat verschiedene Gründe. Erstens stehen die Importeure heute nicht mehr dahinter, sie setzen keine Autos in der heimischen Meisterschaft ein. Zweitens hast du in den Medien, im Fernsehen keine nennenswerte Berichterstattung mehr, weil der Rallyesport in Österreich eintönig geworden ist. Das ist doch seit Jahren nur noch eine Soloveranstaltung von Raimund Baumschlager! Hätten wir nur zwei oder drei Piloten, die um die Meisterschaft kämpfen, wäre das bereits super – zu meiner Zeit hatten wir sechs World Rally Cars…

Stichwort World Rally Cars: Die heimische Rallye-Staatsmeisterschaft wird derzeit umgehend reformiert – man möchte mit einer Reglement-Öffnung wieder für mehr Artenvielfalt und Teilnehmer sorgen. Jetzt hat Gerwald Grössing eine Zulassung von aktuellen World Rally Cars mit voller Punktberechtigung gefordert – wie ist deine Meinung dazu?

Das würde ich sehr begrüßen! Und auch Raimund Baumschlager müsste eigentlich sagen: ‚Super! Super!‘ Doch ich befürchte, dass er versuchen wird, diese Öffnung zu verhindern. Dabei hätte er in Wahrheit nichts zu verlieren. Er würde trotzdem schneller sein – aber wir hätten wieder mehr Zuschauer. Mundl sollte eigentlich drüberstehen, denn er kann eigentlich nur gewinnen: Wenn er mit dem R5 gegen die WRCs gewinnt, ist er der große Held.

Mit seinen Testmöglichkeiten kann er doch jedes private WRC schlagen – er hätte endlich wieder gleichwertige Gegner. Derzeit schießt er mit dem Maschinengewehr auf Spatzen – seine Gegner fahren brav, doch sie verfügen nicht über seine Möglichkeiten. Würden sie Raimund mit WRCs herausfordern, würde das unseren Rallyesport wieder aufleben lassen, es würde wieder etwas in den Zeitungen geschrieben werden.

Wenden wir uns der internationalen Rallyebühne zu: Die Weltmeisterschaft und speziell die Europameisterschaft scheinen zu stagnieren – woran liegt das und was müsste man ändern, um wieder mehr Interesse zu wecken?

Da ist einfach das Flair verloren gegangen. Es werden immer die gleichen Sonderprüfungen gefahren, zwei bis dreimal fährt man diese Strecken bei einer Rallye. Man ist immer noch zu weit von den Zuschauern entfernt – in den Servicezonen versucht man, wie die Formel 1 aufzutreten. Zugleich lassen sie die Leute mitunter vier bis fünf Kilometer in die Prüfungen hineingehen – das kannst du heutzutage nicht machen. Aber das Hauptübel ist: Wenn immer nur einer gewinnt, interessiert es keinen mehr – das ist wie in der ORM. In der goldenen Zeit wurde die Formel 1 eifersüchtig auf die Rallye-Weltmeisterschaft – weil sich die Rallyes übers ganze Land erstreckt haben, weil es eine Vielfalt gab. Heute versucht man, die Rallye in einen Rundstreckenrahmen zu zwängen – und das ist der falsche Weg.

Es gibt keine Typen mehr in der Rallye-WM - keiner traut sich mehr, etwas zu sagen. Einer wie Walter Röhrl hat mit seinen oftmals schonungslosen Sprüchen für Aufmerksamkeit gesorgt – das wollen die Leute hören! Heute ist jeder versucht, ja nichts Negatives zu sagen, man verliert sich in Worthülsen. Und: Früher sind wir bei der Rallye Monte Carlo mit Slicks den Berg rauf gefahren, haben oben in 1,5 Minuten Reifen gewechselt und sind auf der anderen Seite mit Spikes wieder runtergefahren – was glaubst du, was da los war? Das war ein Spektakel!

Letzte Frage: Wie siehst du den Rallyesport in zehn bis zwanzig Jahren?

Hoffentlich wird der Rallyesport dann nicht noch mehr kastriert sein, wie er es jetzt schon ist. Vielleicht wird es weniger Rallyes geben – aber in Ländern wie Finnland, Frankreich oder Spanien wird es immer Rallyes geben, davon bin ich überzeugt. Der Rallyesport muss sich öffnen – er muss wieder zu einem Abenteuer werden.

Der ARL-Fahrplan

Donnerstag, 17. September
13.30-16.30 Uhr: Technische Abnahme im Admonter Marienpark
17.30-20.00 Uhr: Shakedown in der Zirnitzarena in Hall
20.30 Uhr: ARL-Eröffnung mit Teilnehmersegnung

Freitag, 18. September
Ab 12.00 Uhr: Vorstart Bollwerk Liezen
Ab 12.15 Uhr: Servicezone in Spital am Pyhrn
Ab 13.30 Uhr: Start in Spital am Pyhrn
14.15-20.00 Uhr: Sonderprüfungen in der Sportregion Pyhrn-Priel
Ab 18.15 Uhr: Zieleinlauf Spital am Pyhrn

Samstag, 19. September
Ab 8.00 Uhr: Servicezone im Zentrum von Admont
Ab 8.40 Uhr: Fan-Meile im Zentrum von Admont mit vielen Attraktionen
8.50-18.30 Uhr: Sonderprüfungen in der Alpenregion Nationalpark Gesäuse
Ab 17.10 Uhr: Flower-Zeremonie in der Fan-Meile
Ab 19.00 Uhr: Rallyeparty

Ähnliche Themen:

News aus anderen Motorline-Channels:

Austrian Rallye Legends 2015

Weitere Artikel:

Der "verrückte Traum"

Wie Solberg die WRC-Elite schockte

Oliver Solberg schreibt WRC-Geschichte: Als jüngster "Monte"-Sieger aller Zeiten triumphiert der Toyota-Pilot bei extremen Bedingungen gegen die Weltelite

ARC Rallye Triestingtal: Youngsters am Start

Österreichs schnellste Jungpiloten beim ARC-Auftakt im Triestingtal

Mit Marcel Neulinger und Maximilian Lichtenegger starten die zurzeit schnellsten Jungpiloten des Landes beim Saisonauftakt der Austrian Rallye Challenge. Das große Comeback des Rallyesports im Triestingtal wird auf Asphalt-Sonderprüfungen mit Flair und Geschichte abgehalten.

WRC Monte-Carlo: Nach SP12

Solberg kontrolliert das Geschehen

Toyota bleibt nach elf Wertungsprüfungen beim Saisonauftakt der Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) in Monte Carlo mit einer Dreifachführung auf Kurs. Auf Kurs liegen auch Keferböck/Minor mit der Führung im WRC Masters Cup.

ARC Rallye Triestingtal: Kompakter Zeitplan

Kompakte Eintages-Rallye als ARC-Opener

Neun Sonderprüfungen in einem kompakten Zeitplan warten auf die Teams der ARC Rallye Triestingtal (27. & 28. Februar). Die Fans können sich auf sechs attraktive Zuschauerpunkte freuen…

Regel-Revolution wirkt

WRC meldet Ansturm neuer Tuner

Die WRC steht 2027 vor einer Revolution - Die FIA bestätigt massives Interesse von Tunern am neuen Reglement und nennt eine überraschende Zahl

WRC Monte-Carlo: Nach SP3

Solberg führt bei Eis, Schnee und Nebel

Bei extrem tückischen Bedingungen auf der ersten Etappe der "Monte" behält Toyota-Neuzugang Oliver Solberg trotz "hundert Beinahe-Abflügen" kühlen Kopf. Keferböck/Minor auf Platz 19 der RC2 liegend bei den WRC Masters in Führung.