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Rallye-WM: Kommentar

Ausverkauf des Rallyesports darf nicht die Lösung sein

Shootout und Lotterie als Medizin gegen das mediale Desinteresse? Die Verzweiflung der WRC-Protagonisten scheint grenzenlos zu sein…

Michael Noir Trawniczek

Ein Shootout am Ende der Rallye, in dem ein Führender, der sich mühsam einen vielleicht großen Vorsprung herausgefahren hat, gegen den Zweitplatzierten um den Sieg kämpft, eine Verlosung der Startreihenfolge für die erste Etappe, ein VW-Motorsportchef, der eine Show einfordert, damit die WRC-Piloten „weltweite Stars werden“… – die Verzweiflung der WRC-„Superhirne“ scheint grenzenlos zu sein. Die mediale Präsenz der Rallye-Weltmeisterschaft ist dermaßen dürftig, dass man sämtliche Werte dieser Sportart über Bord zu werfen bereit ist…

Dass grober Unfug nicht zwingend das Allheilmittel für eine erfolgreiche Show sein muss, auch wenn im Fernsehen mit netten Gesichtern aufgemotzte Karaoke-Sessions als Casting-Shows oder auch dümmliche Sitcoms mit Billigstschauspielern die großen Erfolge einspielen, hat die Formel 1 bereits in der Ära Schumacher I zur Genüge bewiesen. Was hat man nicht alles ausprobiert, um endlich neue Gesichter auf dem Podium zu sehen? Einzel-Qualifying, neuer Punktemodus und so weiter – spannend wurde es erst dann, als die Ära Schumacher I zu Ende ging und als man die Autos, mit welchen man wegen ihrer hochgezüchteten Aerodynamik nicht mehr im Windschatten eines Vordermanns fahren konnte, entsprechend umbauen ließ: Breite Front-, schmale Heckflügel, dazu das DRS-System, KERS und kurzlebige Reifen. Selbst wenn mit der aktuellen Reifengeneration womöglich über das Ziel hinausgeschossen wurde und mittlerweile sogar über zu viel des Guten geklagt wird – die Langeweile wurde erfolgreich bekämpft, und am Ende setzen sich immer noch die Guten durch…

Formel 1 und Rallye sind jedoch zwei völlig unterschiedliche „Paar Schuhe“. Und: Die WRC hat kein Problem mit dem Sportlichen Reglement. Die WRC des Jahrgangs 2013 leidet an einem Ungleichgewicht bei den Teilnehmern – Volkswagen tritt mit einem schier grenzenlosen Budget gegen ein Werksteam und gegen eine britische Rallyeschmiede an, die beide nur von der Unterstützung arabischer Investoren überhaupt noch am Leben gehalten werden. Während VW ein Jahr lang unaufhörlich für den WM-Einstieg trainiert hat, mussten die Rennabteilung von Citroen und M-Sport bei den Scheichs von Abu Dhabi und Katar das nötige Budget für eine Fortsetzung ihrer Aktivitäten erbetteln.

Stars ohne Glanz

Jost Capito wünscht sich, dass die WRC-Piloten „weltweite Stars werden“. Hier darf nicht vergessen werden: Das große Aushängeschild des letzten Jahrzehnts, der Serienweltmeister Sebastien Loeb, verströmt ein Charisma wie einst der selige Aktenzeichen XY-Moderator Eduard Zimmermann. Wobei offen ist, wer von den beiden das schlechtere Englisch sprach/spricht. Mit solchen „Gallionsfiguren“ wird der beste Promotor keinen Erfolg einheimsen. Mikko Hirvonen weckt Mutterinstinkte und Sebastien Ogier ist zurzeit nur eines: schnell.

Die Rallye-Weltmeisterschaft wird Jahre benötigen, um wieder das zu werden, was sie einmal war. Zirkuseinlagen werden ganz sicher nicht die Lösung sein. Ein Ansatz, den man derzeit sträflich vermisst, wäre es, mit modernster Kameratechnik die Faszination dieses Sports, das Fahren auf spektakulärsten Strecken, eingebettet in mitunter wunderschönen und aufregenden Landschaften einzufangen. Hier hat der neue Promotor noch sehr wenig gezeigt. Zudem müssen neue Hersteller angelockt werden, das technische Reglement könnte aufgelockert und geöffnet werden, wie schon einmal in einem früheren Kommentar erwähnt.

Auch im sportlichen Reglement gäbe es Möglichkeiten, allerdings liegen diese im Detail. Kleines Beispiel: Die Startreihenfolge am ersten Tag. Warum nicht wieder zurückkehren zu jenem Modus, dass der WM-Führende am ersten Tag quasi den „schwarzen Peter“ innehat? So könnte man die Top 15 der WM-Tabelle gestürzt ihre Positionen wählen lassen, der WM-Leader muss als Letzter wählen. Allerdings: Am zweiten und am dritten Tag soll es bleiben, wie es ist – denn sonst wird wieder nur taktiert. So müssen die Guten am ersten Tag Nachteile in Kauf nehmen, dank ihrer Klasse können sie sich aber im Verlauf der Rallye nach vor arbeiten. Das wäre eine Detaillösung, sodass wenigstens am ersten Tag noch keine Minutenabstände für das Desinteresse der Massenmedien sorgen.

Eines ist sicher: Die WRC kann nicht von heute auf morgen gesunden. Und: Die nichtssagenden und schöngefärbten Presseaussendungen, die man offenbar von der Formel 1 abgeschaut hat, tragen jedenfalls nichts dazu bei, den Rallyesport interessant zu gestalten. Ganz allgemein gilt: Rallye ist nicht Formel 1 und auch nicht Fußball. Die WRC muss sich ihrer Wurzeln besinnen, zugleich aber auch mit der Zeit gehen. Sieben Tage lange Rallyes über 5.000 Kilometer, wie sie eine Michele Mouton gerne haben würde, interessieren heute niemanden mehr, schon gar nicht, wenn der Führende am ersten Tag bereits eine Minute Vorsprung aufweist. Die WRC muss von innen heraus gesunden und ein modernes Konzept entwickeln, welches die Identität des Sports nicht zerstört, sondern dessen Besonderheit unterstreicht.

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