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Es ist immer schwer, das Image einer Marke in niedrigere Fahrzeugklassen zu transportieren. Vor allem, wenn man gleich mehrere Segmente überspringen möchte. Aston Martins Cignet scheiterte aber an anderen Problemen.

Roland Scharf

Man darf diesen Wagen jetzt wirklich nicht vorverurteilen. Noble Kleinwagen, diese Erfindung an sich ist ja eine ur englische. Wir denken nur an den Mini, den Coach Builder luxuriösest umbauten, den Größen aus der Musik- und Filmwelt fuhren, und der alles in allem bis heute beweist, dass Luxus und Coolness nichts mit der Größe eines Autos zu tun haben. Das gefiel in den Nuller-Jahren auch Aston Martin.

Jene Firma, die Zeit ihres Lebens eigentlich immer irgendwie in Geldnot war. Man baute lieber schöne Autos als an ihnen zu verdienen. Logisch, dass man deswegen immer wieder einmal zum Übernahmekandidaten wurde, was ja alles noch OK war, solange es nur ums Geld ging. In diesem Jahrtausend aber kamen strengere Verbrauchs- und Abgasauflagen hinzu, und da wurde es dann schon etwas brenzliger. Der Flottenverbrauch war auf einmal ein wichtiges Thema, um nicht in Verruf zu geraten und zu Strafzahlungen gezwungen zu werden. Das ist natürlich blöd, wenn man nur V8 und V12 im Programm hat – aber da war ja immer noch die Idee mit dem noblen Kleinwagen im Hinterkopf.

Zu jener Zeit gehörte Aston Martin zu Ford, konnte mit Jaguar-Technik (auch diese britische Schmiede gehörte damals den Yankees) relativ preiswert neue Modelle entwickeln und war finanziell sogar relativ solide, sodass man sich an das Abenteuer Kleinwagen wagen konnte. Ein völlig eigenständiges Modell zu entwickeln, fiel bei den zu erwartenden Stückzahlen natürlich aus. Kurioserweise waren wohl alle verfügbaren Autos aus dem Ford-Konzern auch nicht passend, sodass man sich bei einem völlig anderen Hersteller umsah: Toyota.

Dort kam der iQ gerade ins Rollen – und dessen ungewöhnliches Konzept dürfte es den Briten wohl angetan haben. Der kleine Toyota war nämlich nicht nur einfach ein Kleinstwagen. Er war so breit wie ein Mittelklassewagen, um die 1,7 Meter, aber nur drei Meter lang. Viel Platz für zwei Personen und Gepäck also, dazu eine ungewöhnliche und einprägsame Optik – in den Köpfen der Ingenieure fingen schon die ersten Ideen zu sprudeln an.

Und was noch dazu kam: Der Wagen lief ebenso auf der Insel vom Band, also rief man dort an und handelte einen kreativen Deal aus: Man bestellte ein paar hundert iQ in einer ungewöhnlichen sonst nicht erhältlichen Konfiguration. Den Top-Motor mit rund 100 PS, aber kombiniert mit der absoluten Basisausstattung. Nicht einmal die Stoßfänger waren lackiert, als die Autos zu Aston Martin angeliefert wurden. Vor Ort zerlegte man dann jeden einzelnen, verkaufte alle nicht benötigten Teile an eine Toyota-Händlergemeinschaft und baute die iQ händisch zu Cygnets um.

Augenscheinlich war das an der Front am deutlichsten. Aufgrund der enormen Breite wirkte der Aston Martin-typische Kühlergrill sogar sehr stimmig, ebenso die Lufteinlässe in der Motorhaube. Cooler wurde es dann im Innenraum, den man sich genau so luxuriös ausstaffieren lassen konnte wie in einem DBS oder Vantage. Leder, wohin das Auge auch sah, galt als selbstverständlich, genau so wie eine ziemlich heftige Preisvorstellung. Aber das ging in Ordnung, meinte man damals. Man habe sich bei den Kunden umgehört, und dort war man von der Idee eines kleinen Astons mehr als begeistert. Entsprechend sollten Bestandskunden auch bevorzugt mit Cygnets versorgt werden. Aber bekommen würde jeder einen, der einen auch haben möchte.

Das Problem war aber, dass das viel zu wenige waren. Von den ursprünglich geplanten 4.000 Exemplaren realisierte man nur um die 600. Die Gründe dafür sind bis heute umstritten. Als ziemlich sicher kann einmal der Preis genannt werden. Fast 50.000 Euro kostete die Launch-Edition, knapp unter 40.000 Euro der Basis-Cygnet. Dafür bekam man seinerzeit schon ganz andere Geräte, und viele kreideten Aston Martin an, die Technik einfach unverändert übernommen zu haben. Man hätte sich also für viel weniger einen Toyota kaufen können, der genau so gut fuhr.

Andererseits waren Attribute wie Leistung und Fahrverhalten nie der ausschlaggebende Grund, dass Leute für einen Mini viel Geld ausgaben. Manche sahen auch das ungewöhnliche Konzept als Knackpunkt, wobei es dann schon egal war. 2013 beendete Aston Martin nach nur zwei Jahren das Experiment. Allerdings auch deswegen, weil die Produktion des iQ für den europäischen Markt endete. Der Grund übrigens: die Verkaufszahlen blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Und beim Toyota lag es definitiv nicht am Preis.

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