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Der hässliche Neffe

AMC, gleichwohl eine Marke stets lässiger Ideen, tat sich bei der Umsetzung manchmal etwas schwer. Der Gremlin hätte ein Kleinwagen werden sollen. Was bei amerikanischen Dimensionen aber nicht klappen kann.

Roland Scharf

In Wahrheit ist AMC, also die American Motor Corporation an sich ja schon eine Geschichte Wert. Wie sie entstanden und eingegangen ist. Vor allem aber: Warum sie den Bach runterging. Nicht weil die Autos so einfallslos waren. Sondern eher, weil es nur ganz selten die Kohle für eine ordentliche Umsetzung gab. Und am besten lässt sich das am Gremlin erklären, dem kleinen Gnom mit der großen Klappe.

Ende der 1960er-Jahre, also zur Hochzeit des automobilen Kults in den Staaten, hatte man es als kleiner Hersteller gegen die großen Drei nicht leicht. GM, Ford und Chrysler saugten einfach alles ab, und wer gegen diesen gigantischen Uniformismus bestehen wollte, musste sich durch besondere Kreativität auszeichnen. Und genau das war der stärkste Punkt von AMC. Da gab es tatsächlich schon früh so etwas wie SUV oder Crossover, und man erkannte auch am Ende der Musclecar-Äre, dass es höchste Zeit war, schlaue Kleinwagen anzubieten. Da gab es nämlich ein Buschfeuer das von Japan bis Deutschland zu zündeln anfing und drohte, in die USA überzugreifen. Und da sollte man als heimischer Hersteller ja etwas zum Kontern haben.

Während sich die Big Three noch in alle Ruhe in Hubräumen und Schlachtschiffen übten, ging man bei AMC also über, in kleineren Dimensionen zu denken. Zwei Türen reichten. Dafür sollte es eine große Heckklappe geben, um mehr Praktikabilität bieten zu können als all die Limousinen des Mitbewerbs. Und alles natürlich kombiniert mit kompakten Außenmaßen und wenig Gewicht, um die neuen Abgasvorschriften (eine von Lyndon B. Johnsons größten Maßnahmen), die gerade auf den Weg gebracht wurden, problemlos einhalten zu können.

Man kann sich das jetzt nur schwer vorstellen, wie frustrierend das als Ingenieur sein muss, wenn man mit so einem Korb voller lässiger Ideen zum Chef geht und sagt, man hätte da einen programmierten Erfolg in der rauledernen Aktenmappe. Und der aber dann erwidert: Ja eh cool, ich hab aber keine Kohle für dich. Nimm ein bestehendes Modell und bau das irgendwie, dass es passt. Wer weiß, wie groß „normale“ Autos vor 50 Jahren waren, kann verstehen, dass dieses Unterfangen schon in der Planungsphase zum Scheitern verurteilt war. Aber was soll man tun, Job ist Job, und vielleicht kommt ja doch etwas Brauchbares raus.

Man nahm also den noch recht jungen Hornet (richtig, die fliegende Kiste von 007), kürzte den Radstand und baute die Karosserie dann auf Schrägheck um. Vielleicht lag es an der fehlenden Motivation der frustrierten Ingenieure, oder einfach am lächerlichen Budget, aber der Rest der Karosserie blieb praktisch unverändert. Dabei musste nicht nur eine völlig entstellte Optik mit fragwürdigen Proportionen herauskommen. Auch das Gewicht lag so wie die Abmessungen an sich weit über dem, was man als cleveren Kompaktwagen verstehen würde.

Das war aber immer noch nicht genug. Die uralte Konstruktion mit längs eingebautem Motor vorne und Starrachse hinten sorgte zudem, dass es weder im Innenraum noch im Kofferraum besonders viel Platz gab. Sogar der Käfer hatte einen größeren Kofferraum, was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass der Käfer eigentlich gar keinen Kofferraum hatte. Man sieht also, wie problematisch die Gremlin-Konstruktion war, sodass es als einzige Möglichkeit nur die Basisversion gab, bei der man die Fondsitze zugunsten des Ladeabteils einfach weg ließ. Alles kein Problem, hätte man jetzt zum Beispiel bei Chrysler gesagt. Wir sind in dein 1970ern, bauen wir einfach einen großen Motor ein. Horsepower fix many things! Allein – da fehlte es dem Gremlin völlig an Optionen, um dem Hornet keine zu große Konkurrenz zu machen.

91 PS aus einem müden Reihensechszylinder, oder noch müdere 122 PS aus einem Fünfliter-V8 (es ist bis heute ein Rätsel, wie man so wenig Leistung aus so viel Hubraum quetschen kann), zogen schon damals kein Gramm Butter vom Toast, sodass es eigentlich ein Wunder ist, dass der Gremlin dennoch acht Jahre lang im Programm blieb. Schließlich gab es für weniger Kohle bei der japanischen und deutschen Konkurrenz viel mehr. Aber das ist nur noch eine weitere der kuriosen Katastrophen, die AMC quasi serienmäßig lieferte.

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