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Verkeilt in der Zukunft

Kaum ein anderes Auto stellte ein derartiges Wagnis dar wie die Neuauflage des Aston Martin Lagonda. Die gewagte Formgebung war im Vergleich zum Technik-Overkill aber noch die konservativste Problematik.

Roland Scharf

Sich als kleiner Hersteller an ein völlig neues Autokonzept zu wagen, dass dazu noch vollgestopft mit unerprobter Technologie ist, war immer schon ein Wagnis. Im Falle des Lagonda kam aber noch dazu, dass die Zeit, in der er erschien, dafür gänzlich ungeeignet war. Anfang der 1970er gerieten nämlich zahlreiche Autofirmen kleinen Zuschnitts in finanzielle Schräglage. Monteverdi, Jensen, Iso Rivolta, alle kämpften sie mit der schwächelnden Konjunktur und immer strenger werden Sicherheits- und Abgasgesetzgebungen. Auch Aston Martin. Der englische Traditionsbetrieb war praktisch pleite, fertigte kein einziges Auto mehr, und erst als mehrere Geschäftsleute das Ruder übernahmen, ging es zumindest mit der Produktion alter Modelle wieder zaghaft weiter. Aber das sollte sich schlagartig ändern.

Ein revolutionäres Modell wurde nämlich vollmundig angekündigt, das alles in den Schatten stellen sollte, was man bis dato so unter dem Begriff Automobil verstehen würde. Keine gemähte Wiese, wenn man gerade so über die Runden kommt. 1976 war es dennoch soweit, und die zweite Generation des Lagonda erblickte das Licht der Welt. Sie zeigte schon auf den ersten Blick, dass man bewusst für Aufsehen sorgen wollte. Der Glaube an die Zukunft war seinerzeit noch stark, also konnte ein neues Modell gar nicht futuristisch genug aussehen.

Wie ein Urmeter der Keilform wirkte der Series 2, hatte zudem Klappscheinwerfer, zahlreiche Ecken und Kanten, viel glatte Flächen – und wer beim Anblick des Aston an Origami denkt – so falsch liegt er nicht, denn das Design wurde tatsächlich als „Folded Paper“-Stil bezeicnet.

Das kam natürlich ziemlich gut an. Aston Martin war zurück. Die Marke, die stets für fortschrittlichen Automobilbau stand, war wieder wer, und das musste man natürlich auch im Innenraum demonstrieren. Dort wischte man alles, was man bislang aus englischen Autos kannte, mit einem Wisch weg. Holz? Chrom? Rundinstrumente? Schrullen von gestern, hier läuft alles, aber wirklich alles digital ab. Lenkrad und Automatikwählhebel ausgenommen, wird alles über Knöpfe und Schalter betätigt. Dem nicht genug, kamen erstmals auch sensorgesteuerte Flächen zur Anwendung, die Anzeigen sind natürlich durchwegs LCD-Displays, und alles zusammen bedient eine komplexe Software, die vom Cranford Institute of Technology entwickelt wurde. Und ab da wurde es dann lustig.

Die Geldknappheit ließ nämlich keine gründliche Erprobung zu, und so gab es nicht nur vereinzelte Elektronikprobleme, sondern gleich mehrere Totalausfälle. Die Werkstätten waren mit dem völlig neuen Konzept natürlich maßlos überfordert, sodass man bereits 1978 auf ein Betriebssystem von Javelina umstieg. All das schlug natürlich massiv auf die Entwicklungskosten, die aufgrund der neuen Plattform eh schon im Nirvana angesiedelt waren. Den Motor übernahm man daher lieber fast unverändert vom DBS – ja und jetzt wurde es dann auch langsam Zeit, endlich einmal Geld zu verdienen. Wie bitte? Tatsächlich waren die Probleme derart umfangreich, dass man die Markteinführung über zwei Jahre hinaus schob. Die Zeitnot war zum Schluss sogar dermaßen knapp, dass man nicht einmal mehr den Prototypen für die ersten Werbefilme rechtzeitig zum Laufen brachte. Also gab es vorerst nur Aufnahmen eines bergab rollenden Wagens.

Irgendwann funktionierte die Elektronik dann aber einigermaßen, sodass man sich langsam einmal um die Ärgernisse kümmern konnte, die man von der erlesenen Kundschaft so mitbekam. Stellvertretend für das heldenhafte Vorgehen von Aston Martin, ein radikales Konzept umsetzen zu wollen, wollen wir den Tachometer des Lagonda erwähnen. Der zeigt natürlich ausschließlich digital die Geschwindigkeit an und kann jederzeit zwischen km/h und Meilen umgeschaltet werden. Grundsätzlich cool. Man wusste nur leider nie, welche Maßeinheit gerade aktiv ist, was oftmals zu überraschenden Geschwindigkeitsübertretungen führte.

Ohne zu übertreiben kann jedenfalls gesagt werden, dass Aston Martin hier echte Pionierarbeit geleistet hat. All das, was in modernen Fahrzeugen heutzutage selbstverständlich ist, kam damals das erste Mal zur Anwendung, bis hin zu Sprachmitteilungen ab 1984. Aber genau das alles war Aston Martin nach wenigen Jahren dann doch zu viel. Die modellgepflegte Version ging zu konventionellen Anzeigen und Bedienelementen zurück, und alles in allem lief die Produktion dann sogar bis 1990. Hört sich jetzt beeindruckend an, nur liefen in diesem langen Zeitraum nur 645 Stück des teuersten Serienautos der damaligen Zeit vom Band.

Kurz gesagt: Aston Martin war erneut ein Sanierungsfall. 1987 übernahm Ford das Ruder, und deren strenger Rechenschieber ließ derart automobile Eskapaden wie den Lagonda nicht mehr zu. Die Zeiten, in denen der Rotstift des Buchhalters die Bleistifte der Konstrukteure besiegte, war endgültig angebrochen.

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