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Nicht nur die Wurst

In Brasilien kochte man immer schon gerne ein eigenes Süppchen und übernahm nicht einfach nur alte Pressformen von Wolfsburg. Der Brasilia und der Gol zeigten zudem, was man sich in Deutschland nicht getraut hat.

Roland Scharf

Wie sieht der Nachfolger des Käfer aus? Eine Frage, mit der sich Wolfsburg jahrelang beschäftigte. Hier ging es schließlich um die Zukunft der ganzen Firma, da kann man nichts riskieren. Also probierte und tüftelte man herum und fabrizierte wilde Ideen und Konzepte, von denen die meisten nach wie vor einen luftgekühlten Boxermotor unterm Blech hatten. Dass im Endeffekt der Golf alles obsolet machen sollte und den Konzern rettete, wissen wir alle. Nicht aber, dass diese Prototypen und vor allem die Hartnäckigkeit der Boxermotor-Hardliner tatsächlich eine Umsetzung in der Serie fanden, wenngleich in einer anderen Welt.

VW do Brasil ist eine wichtige Dependance von Volkswagen und schon immer ein Garant für interessante Eigenkonstruktionen. Sogar der aktuelle Taigo stammt aus dem südamerikanischen Land, und vor einem halben Jahrhundert hatte man seine eigenen Vorstellungen davon, wie der Nachfolger des Käfer auszusehen hat. Zuerst kam 1973 der Brasilia. Eine wilde Mischung aus dem Chassis des Karmann Ghia, dem Motor des Käfers und einer Karosserie, die eine Mixtur aus Typ 3, Typ 4 und seinerzeitigen Ideen aus Wolfsburg war. Wichtig jedenfalls: er sollte größer, praktischer, mehrtüriger sein als der alte Krabbler, also alles genau so wie am Mittellandkanal.

1973 war der Brasilia schließlich serienreif. Die Form war so eckig, wie man sich das in diesem Jahrzehnt vorstellte und es gab den Wagen sogar als Viertürer und Nutzversion. Alles in allem keine schlechte Neuinterpretation der uralten Idee des Heckmotorwagens – und genau das sollte dem Brasilia dann auch das Genick brechen. 1975 beschloss man schließlich, mit allen luftgekühlten Modellen zu brechen und ein eigenes neue Fahrzeug mit Frontantrieb zu entwickeln. Zu groß der Abstand zu der jüngeren Konkurrenz – und ein Indiz dafür, dass man gut tat, in Europa den Golf zu verwirklichen und mit allen bleiernen Hardlinern zu brechen. Dass es der Brasilia noch bis 1982 aushielt, lag vor allem an seiner kugelsicheren Technik, die ihn nicht nur in Lateinamerika so beliebt machte, sondern sogar bis nach Afrika.

So oder so erkannte man den Fehler, nicht gleich etwas ganz Neues zu entwickeln und startete Mitte der Siebziger wie gesagt mit der Entwicklung eines ganz eigenen Modells. Der Heimmarkt ist riesig, da zahlt es sich schon aus, auf die hiesigen Bedürfnisse einzugehen. Und entsprechend wollte man auch nach wie vor nichts vom neuen Golf übernehmen sondern bediente sich lieber bei der größeren Passat-Basis, die damals gerade vor der Ablöse stand. Die alten Pressformen aus Emden nahm man also nicht nur zwangsläufig, sondern auch dankend an, und dennoch ist es erstaunlich, dass man mit 3,8 Metern Länge dennoch bescheiden blieb, wenngleich durch den langen Vorderwagen so eine etwas nasenbärige Optik entstand. Die Achsen ließen nämlich nur längs eingebaute Motoren zu, doch genau darauf war man aus. Denn so konnte man beim ersten Gol 1980 den guten alten Käfermotor einbauen, der nun aber vorne saß.

Natürlich war der 1300er nicht wirklich der Knaller und auch der später montierte 1600er zog wahrlich nicht die Butter vom Brot. Die Konstruktion war aber günstig, was in Brasilien immer ein unschlagbares Verkaufsargument war. Und es zeigte einmal mehr, dass man in Wolfsburg gut daran tat, gleich auf wassergekühlte Reihenvierzylinder umzustellen, was man dann auch ab 1981 beim Gol sukzessive machte. Jedenfalls war der Gol dann eine Riesennummer, es gab ihn in zahlreichen Karosserievarianten, sogar als Pick-up, und die erste Generation schaffte es so, satte 14 Jahre im Programm zu bleiben, wobei es zum Schluss noch einmal kurios wurde. Eine Gesetzesänderung bevorzugte zu Beginn der 1990er nämlich Fahrzeuge mit weniger als einem Liter Hubraum. Da nicht einmal alte Käfermotoren über so wenig Kubik verfügten, bediente man sich im Regal des neuen Partners Ford im Rahmen des Autolatina-Bündnisses und brachte mit dem Gol 1000 ein Modell auf den Markt, das neben 997 Kubikzentimeter, Lenkrad und Schalthebel praktisch nichts an Ausstattung bot.

Und noch ein wobei gibt es zur Bauzeit, denn der Nachfolger sah zwar völlig neu und irgendwie dem bei uns damals brandneuen Polo irgendwie ähnlich. Im Endeffekt beließ man es aber wieder einmal bei der alten Plattform und rundete die Karosserie nur an allen Ecken und Enden ab. Entsprechend bekam die neue Generation schnell den Spitznamen „Bubble Gol“, und ebenso blieben die Motoren und viele andere Details unverändert, ehe man sich 2008, also weitere 14 Jahre später, endlich dazu entschloss, auf die PQ24-Plattform umzustellen, die seinerzeit auch in Wolfsburg brandaktuell war. Allerdings wieder einmal nicht beim Golf, sondern beim Polo.

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