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Mut zum Hut

Ein Kleinwagen mit Stufenheck und zwei Türen, für mehr stand der VW Derby nicht. Insofern war es erstaunlich, dass er acht Jahre im Programm blieb. Streng genommen sogar mehrere Jahrzehnte.

Roland Scharf

Die Geschichte des Derby an sich ist jetzt nicht so megaspannend. Sie zeigt aber recht schön, wie sehr sich der Geschmack der Käufer im Laufe der Zeit geändert hat. In Kerneuropa zumindest. Und wie stark die Autoindustrie sich dem dann angepasst hat. Oder sagen wir: Anpassen musste. Jedenfalls wirkte die Urversion des Derby nicht grundlos wie die Schrumpfversion des damaligen Audi 80. Der erste VW Polo kam schließlich als Audi 50 auf die Welt, hatte also so oder so die Linien eines Ingolstädter. Ja und als dann die Idee kam, daraus eine kleine Limousine zu machen, waren Parallelen dann schon nicht mehr übersehbar.

Da gab es aber schon den Audi 60, weswegen man sich für den eckigen VW eine neue Einstufung überlegen musste. Der Aufwand, den man betrieb, war jedenfalls enorm. Ab der B-Säule nach hinten wurde praktisch das gesamte Auto neu konstruiert. Das heißt aber auch: Man behielt die großen Türen des Dreitürers genau so bei wie den Radstand. Es entstand also ein zweitüriges Stufenheck, was rund 50 Jahre später zugegebenermaßen etwas befremdend anmutet. Damals aber war das gar keine so schlechte Idee. Die Käufer waren noch ziemlich konservativ. Man traute dem neuen Braten namens Kompaktklasse nach wie vor nicht so recht. Das mit der großen Heckklappe könnte so manchen verschrecken, weswegen man allein bei VW neben dem Derby dem Golf 1 noch den Jetta, und dem Passat dann noch den Santana zur Seite stellte. Alle nach dem gleichen Konzept: Technik beibehalten, aber hinten eine Stufe dranmachen.

1977 kam der Derby schließlich auf den Markt und der Erfolg war sogar dermaßen groß, dass man sich schnell auf der sicheren Seite wähnte. Die Nachfrage flaute im zweiten Jahr allerdings schon stark ab, wobei man vielleicht nicht ganz die richtigen Schlüsse draus zog. Vielleicht fehlte es ihm an Eigenständigkeit? Zum Modelljahr 1983, als der Polo 2 auf den Markt kam, spendierte man dem Derby daher eine eigenständigere Front. Eckige statt Rundscheinwerfer sollten das massige Heck ein wenig ausgleichen, wobei der Stockerlhintern beim Zweier sogar noch ausgeprägter war.

Unverändert gab es den Polo nur mit zwei Türen, folglich auch den Derby, was ihn zu der Zeit schon stark ins Hintertreffen führte. Hauptkonkurrenten wie den Opel Corsa gab es nämlich auch mit Stufenheck, aber wahlweise mit zwei oder vier Türen. Grundsätzlich aber war allen Fahrzeugherstellern der Wandel am Markt wohl nicht so ganz bewusst gewesen. Die Käufer griffen mittlerweile fast nur mehr zu Varianten mit großen Heckklappen, weswegen neben Polo und Golf auch der Passat und da der Variant immer beliebter wurde. Mitte des Jahrzehnts räumte man also gründlich auf: der Santana wurde herabgestuft zum Passat, und aus dem Derby wurde ein Polo Stufenheck, ehe man ihn zum Facelift ganz auslaufen ließ – wobei: nicht wirklich.

Exportmärkte, die nach wie vor auf das Drei-Box-Design abfuhren, erhielten tatsächlich eine Neuauflage, die allerdings nur mehr halbherzig bespielt wurde. Zwar gab es die neue Front des modellgepflegten Polo, das Heck indes bliebt praktisch unverändert. Dennoch ließen sich viele Märkte vor allem im Süden und Osten nicht davon abhalten, hier zuzugreifen, weswegen diese Länder auch vom nächsten und übernächsten Polo ab Mitte der Neunziger erneut ihre Limousinen bekamen. Der Name Derby war dennoch tot, man beließ es beim Beinamen Classic.

Nur deswegen ist es überhaupt denkbar gewesen, dass es auch bei uns wieder kleine Limousinen von VW gab, zumindest in den Preislisten. Einmal kam die Version aus Brasilien, der Nachfolger dann war ein umgemodelter Seat Cordoba. Immerhin jeweils mit vier Türen. So oder so aber alles andere als ein bahnbrechender Erfolg.

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