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Helden auf Rädern: Ford Corcel

Rückruf für M

Kooperationen und Übernahmen unter Konzernen sind wahrlich keine Erscheinung der Neuzeit. Und dennoch hat der Zusammenschluss, der zum Ford Corcel führte, eine ganz sonderbare Wendung, die zeigt, wie wirr und verworren ehemals die Verbandelungen unter den Autoherstellern waren.

Roland Scharf

Zur Mitte des letzten Jahrhunderts galt Südamerika als einer der großen Hoffnungsmärkte in der Automobilindustrie. Wenn man daheim strauchelte, galt eine Dependance in Mexiko oder Brasilien als intelligente Option, um schnell Geld zu lukrieren. Denn oft reichten dort die Neuauflagen irgendwelcher alten Modelle. Das spart Zeit und Geld und so oder so ähnlich fing auch die Geschichte des Ford Corcel an, die mit vielem beginnt, aber nicht mit Ford.

Willys Overland war die Firma hinter dem legendären Willys Jeep, der im Zweiten Weltkrieg die amerikanischen Truppen mobilisierte. Und so toll das auch war, so sehr strauchelte die Bude dann im zivilen Leben nach 1945. Die Modelle kamen nie wirklich in Schwung und als möglichen Ausweg ging man 1953 nach Brasilien und gründete dort eine Niederlassung. Kein ungünstiger Zeitpunkt, dies zu tun, denn kurze Zeit später übernahm Kaiser Motors – eine Bude, der es kaum besser ging als Willys – die kompletten Willys-Anteile und wollte natürlich gleich Nägel mit Köpfen machen. So nutzte man die neue brasilianische Tochtergesellschaft, um nicht nur diverse Jeep-Modelle zu fertigen, sondern auch den Renault Dauphine. Schon früh klopfte Kaiser nämlich bei den Franzosen an, um gemeinsame Sache zu machen, was in den 1980ern dann darin gipfelte, dass AMC (die Kaiser kauften) sogar den Renault 21nach Amerika importierten.

Zurück nach Brasilien. Dort lief der Dauphine unter zahlreichen Namen von den Bändern, sogar als Gordini, doch Mitte der 1960er war es langsam soweit, sich über einen Nachfolger Gedanken zu machen. Nachdem die Zusammenarbeit mit Renault gut lief und man mit der lokal gebauten Alpine A108 (namens Willys Interlagos) sogar Sportwagen im Programm hatte, lag nichts näher, als in Paris nach passender Technik für ein neues Massenmodell zu fragen. Und dort hatte man etwas sehr passendes in der Entwicklung: Der Renault 12 klang mehr als vielversprechend. Frontantrieb, vier Türen, passende Abmessungen, alles klang ideal, man machte sich also an die Arbeit. Name? Überlegt man sich noch. Vorerst musste „Projekt M“ als Codename reichen.

Nachdem die Muttergesellschaft Kaiser-Jeep aber immer schlechter aufgestellt war, begann das ganze Konstrukt zu bröckeln, und 1967 man veräußerte die brasilianische Sparte komplett an Ford, die damals in Brasilien unbedingt ihre Marktanteile steigern wollten. Dass es in der Pipeline ein neues Modell gab, passte da natürlich perfekt ins Konzept, und so trieb man M so schnell voran, dass man im Endeffekt früher damit auf dem Markt war als Renault mit ihrem 12er. Man drückte sogar dermaßen aufs Tempo, dass die Ford Corcels des ersten Baujahres noch überall „Willys“-Embleme auf den Scheiben und die für Renault typische Dreiloch-Anbindung der Räder hatten. All das änderte man dann aber im Laufe der nächsten Jahre rapide, denn so flott man mit der Umsetzung war, so sehr litt die Qualität, was erstaunliche Blüten treiben sollte.

Nach den ersten drei Jahren ließen die verkaufen Stückzahlen nämlich sehr zu wünschen übrig, sodass man 1970 einen neuen starken Mann aus Dearborn Ford do Brasil leiten, der gleich als erstes dem Corcel einen Rückruf spendierte – den ersten übrigens, den je ein in Brasilien gebautes Auto durchlaufen musste. Dies und die laufenden Verbesserungen der laufenden Produktion führten schließlich zum Ergebnis, dass der Corcel zum beliebtesten Auto des Landes wurde. Und damit war klar, dass der amerikanische Wagen mit französischen Wurzeln eine sehr lange Laufbahn bekommen würde. Um diesen frankophilen Einfluss ein wenig zu streichen, spendierte man dem Corcel Mitte der 1970er ein gehöriges Facelift, das eine komplett neue Karosserie beinhaltete. Und während Kaiser an die American Motors Corporation verkauft wurde, und diese schließlich an Chrysler, lief der Corcel immer noch vom Band. Und zwar bis 1986.

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