RALLYE

  • Motorline auf Facebook
  • Motorline auf Twitter
Erinnerungen eines Sportreporters
Fotos: privat, Grestenberger privat, Schachinger

Die im Dunklen sieht man nicht

Diesmal erzählt ORF-Reporterlegende und motorline.cc-Kolumnist Peter Klein eine aktuelle Geschichte, die ans Gemüt geht...

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Ich mag es nicht, wenn das Handy läutet und am Display steht: unbekannter Anrufer. Auch nicht, wenn zwar die Telefonnummer sichtbar, mir aber nicht geläufig ist. Und dann ist manchmal der Ort des Anrufers lesbar: London, Genf, oder Istanbul - also löschen und das sofort!

Auch diesmal war eine mir unbekannte Nummer zu lesen - doch ich zögerte, dachte kurz nach und nahm den Anruf doch entgegen – ein Bauchgefühl. „Servus Peter, Manfred hier", und ich denke: welcher Manfred, ich kenne einige die Manfred heißen. Doch dann erkenne ich die Stimme und kann sie zuordnen: Manfred Grestenberger - ein echter Fan und Gönner des heimischen Rallyesports, der Dank seiner Stellung in einem Getränkekonzern ein Sponsoring möglich machte. Ein baumlanger Mann, fast zwei Meter groß, ungemein sportlich und auch ein blendender Golfspieler, mit dem ich einige Runden in Windischgarsten gespielt hatte, ein toller Mensch mit einer tollen Familie.

"Du kennst doch den Rudi", stellte er fest. „Der so vielen schon geholfen hat und das über Jahre!"
Schlagartig sah ich Rudi`s Bild vor mir, eher mittelgroß mit schütterem Haar - ein Mann, der gutes Essen über alles liebt, den ich oft bei Sigi Schwarz, dem Gastronom aus Steyrling traf und mit ihm über Motorsport parlierte. Vor seiner Pensionierung Techniker bei Siemens und ein Meister der Organisation. Ohne ihn ging vieles nicht – mit ihm aber fast alles! Wie viele andere stand er nie im Scheinwerferlicht und drängte auch nie danach. Wer kennt schon die Mechaniker der 80er und 90er Jahre, die sich für ihren Fahrer bedingungslos in den Dreck warfen und das Rallyeauto wieder in Gang brachten. Die selbst tausende Kilometer bei einer Rallye von Servicepunkt zu Servicepunkt fuhren, oft genug nur für den Spesenersatz und ein geringes Taggeld. Der Einsatzleiter, der die Hauptverantwortung trug - ein Ruhepol, eine Vaterfigur und oft kaum bedankt, Damals gab es keine überdachten Serviceplätze oder Hallen wo man den Fahrer erwarten konnte – Improvisation war gefragt, dafür war die Begeisterung für den Rallyesport vermutlich weit größer. Man kannte die Fahrer und manchmal wurden auch die Co-Piloten in den Medien mit Aufmerksamkeit bedacht, die anderen standen im Dunklen, die sah man nicht.
„Es war halt eine andere Zeit und es war auch schöner", erklärte mir Rudi noch vor einigen Jahren bei einem üppigen Dinner in „da Kaiserin" von Sigi Schwarz. „Jetzt ist alles hochprofessionell und naturgemäß wesentlich teurer geworden", bilanzierte Rudi Wimmer, dessen Name zwar nicht jedem geläufig, aber dessen Bild vielen bekannt ist!

„Na klar, der Rudi, hab ihn schon lange nicht gesehen, was ist mit ihm?", wollte ich von Manfred Grestenberger wissen. „Er hatte vor mehr als zwei Jahren einen schweren Schlaganfall und liegt seither im Pflegeheim, kann sich kaum bewegen, muss aus dem Bett gehoben und in einen Rollstuhl gesetzt werden, es geht ihm gar nicht gut.“ Ich bin tief betroffen und schäme mich, dass mir Rudi in den letzten beiden Jahre gar nicht abgegangen ist. Und Manfred erzählt weiter, dass Rudi noch einmal seine Schützlinge sehen, noch einmal ein Rallyeauto sehen und dieses auch noch einmal angreifen möchte. Also hat er alle angerufen, einen Termin organisiert und auch einen Treffpunkt, um Rudi eine vorweihnachtliche Überraschung zu bereiten. „Das wäre doch was, da könntest Du darüber auf motorline.cc schreiben, alle haben zugesagt, der Hans, Achim, Gerwald, Willi, Kris - und Raimund bringt einen neuen Skoda, Treffpunkt am 18. Dezember im Café Schwarz in Micheldorf, von dort ist es gar nicht weit zum Pflegeheim!“ Ich sage sofort zu und beginne alle anzurufen um ihre Erinnerungen an den „Wimmer Rudi" zu erfahren...

„Mein Gott der Rudi, eine Legende - ein Mann, auf den man sich immer verlassen konnte, der stets da war, wenn man ihn dringend brauchte. Ich freue mich, ihn wieder zu sehen", sagt mir Kris Rosenberger.

„Rudi war ein toller Logistiker, seine Planungen waren einfach perfekt, er war dem Jörg und mir ein Jahr lang eine große Hilfe - damals, als wir Meister wurden! Ich habe zwar viel zu tun, aber den Rudi will ich unbedingt sehen und komme natürlich auch“, erzählt mir Achim Mörtl .

Auch Willi Stengg erreiche ich schon beim zweiten Versuch. "Rudi war eine große Hilfe damals als ich mit Sigi Schwarz im WRC gefahren bin, der Mann hatte immer eine Lösung, war aber auch Bindeglied im Team, der sich einfach um alles kümmerte, ja selbst Reifen besorgte, wenn Not am Mann war, eigentlich war Rudi kaum zu ersetzen. Bin traurig, dass es ihm schlecht geht, freue mich aber sehr auf ein Wiedersehen.“

Zwei Versuche um Gerwald Grössing in Rohr am Gebirge zu erreichen, der fast überschwänglich erzählt: „Rudi war extrem wichtig für mich, ungemein loyal, eine väterliche Figur im Team, der mich immer wieder zur Ruhe gebracht hat. Stets unauffällig aber präsent, der zum richtigen Zeitpunkt auch mal schweigen konnte und für alle eine Vaterfigur war. Natürlich komme ich nach Micheldorf, will doch den alten Haudegen wieder einmal sehen!“

Johann Schachinger schwelgt in ausschließlich positiven Erinnerungen: „Damals im Mazda-Team war Rudi der Fels in der Brandung, verlässlich und wenn man Lösungen brauchte hieß es immer: 'Ruf doch schnell den Rudi an!'. Bei meinem größten internationalen Erfolg war er dabei, San Remo 1995, die Vorbereitungen liefen, wir planten dieses und jenes, Anreise, Quartier, Servicepunkte und nach einem verlängerten Wochenende kam Rudi mit einem fertigen Einsatzplan! Rudi war einfach nach San Remo gefahren, auf eigene Initiative und war logistisch vielen anderen weit voraus. 34 Teilnehmer fielen aus und nur 36 kamen ins Ziel. Wir wurden gesamt 15. und wurden überlegene Klassensieger – Rudi hatte großen Anteil daran. Ich wohne ja nicht weit weg von seinem Pflegeheim, gehe ihn öfter besuchen und komme natürlich auch am 18. Oktober – wir sehen uns dann im Café“.

Zuletzt erreiche ich Raimund Baumschlager, der nicht nur wegen der Feiertage arg im Stress ist – die bevorstehende Jännerrallye verlangt vollsten Einsatz. „Du hattest doch im Rallyesport mit dem Rudi nie zu tun, der war auch nie in Deinem Team – und Du kommst dennoch mit dem neuen Skoda?", will ich vom Rekordmeister wissen. „Stimmt, aber ich kenn doch den 'Wimmer Rudi' seit Jahrzehnten und wir stehen in der Firma auch arg unter Druck mit vier Autos zum Saisonstart. Aber der Rudi war immer ein loyaler Freund und absoluter Fan in der Rallyeszene. Immer hilfsbereit und einfach DA, wenn man ihn brauchte. Da komm ich gerne zu ihm, mit einem Rallyeauto das er sich zu sehen wünscht, ich tu das gerne und freue mich auch ihn zu sehen - wir werden schließlich alle nicht jünger“.

Am 18. Dezember, ich recherchiere im Routenplaner den Weg nach Micheldorf, läutet am Morgen mein Handy. Ich sehe den Namen Grestenberger auf dem Display und in mir steigt ein flaues Gefühl hoch.
„Rudi ist heute Nacht verstorben", höre ich Manfred stammeln – "wir können seinen letzten Wunsch nicht mehr erfüllen."

Einen Tag später fällt mir Johann Wolfgang von Goethe ein, der über das Sterben meinte:

Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe,
ist es doch so, wie mit der Sonne:
Wir sehen sie am Horizont niedergehen, aber wissen,
dass sie „drüben" weiter scheint.

Ähnliche Themen:

News aus anderen Motorline-Channels:

Erinnerungen eines Sportreporters

Weitere Artikel:

Rebenland-Rallye: Nach Tag 1 (SP7)

Simon Wagner eine Klasse für sich

Bei der vom Regen begleiteten und daher actionreichen Rebenland Rallye rund um Leutschach liegt der Favorit nach Tag 1 klar vorne / Heute folgen neun Prüfungen

TotalEnergies wird nach der Insolvenz von P1 neuer Kraftstofflieferant der Rallye-Weltmeisterschaft: Die Versorgung ist ab April sichergestellt

WRC Safari: Nach Tag 3 (SP10)

Defekt bremst Tänak - Evans knapp vorne

Ott Tänak dominiert über weite Strecken den Freitag bei der Safari-Rallye, ehe ihn ein Defekt zurückwirft: Elfyn Evans führt knapp vor Kalle Rovanperä

Trotz der angekündigten Dialogbereitschaft der FIA setzen die WRC-Fahrer bei der Safari-Rallye ihren Schweige-Protest gegen den aktuellen Strafenkatalog fort

WRC Safari-Rallye 2025

Warum Hyundai "alte Autos" einsetzt

Schweden-Upgrades wieder ausgebaut: Hyundai fährt in Kenia mit der alten Spezifikation seines Hyundai i 20 N Rally1 - Doch was ist der Grund?