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Erinnerungen eines Sportreporters: Die letzte Safarirallye von Rudi Stohl
Fotos: Peter Klein privat, Rudi Stohl privat

Die letzte Safarirallye von Rudi Stohl

Vor 20 Jahren fand mit der 50. Safarirallye der zugleich bis 2021 letzte WM-Lauf in Kenia statt. Für Rudi Stohl die ebenfalls letzte Safarirallye, Peter Klein hat natürlich etliche Anekdoten auf Lager!

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

In eigener Sache: Peter Klein versorgt die Rallye-Fans auf Motorline.cc im Paddock-Corner seit mittlerweile fast zwei Jahren regelmäßig mit Geschichten und Anekdoten aus vergangenen Rallye-Zeiten, vielen Dank im Namen der großen Fangemeinde!

Im Zuge der letzten Story zu Tina Maria Monego Ohne Leiden bildet sich kein Charakter haben wir eine kleine Spendenaktion für "Ärzte ohne Grenzen" ins Leben gerufen, die alleine auf Facebook 500 Euro brachte, zudem gab es auch direkte Spenden an die Organisation. Auch dafür vielen Dank an alle Spenderinnen und Spender! Nun geht's aber los mit Rudi Stohls letzter Safarirallye!



Mit 78 Jahren sind ja viele schon im Altersheim, wird sich der geneigte Leser vielleicht denken, befindet sich im Greisenalter. Aber nachdem ja 80 nun das neue 60 ist fühle ich mich mit meinen 58 zumindest im Kopf jung genug um noch ein wenig zu bleiben – und zu schreiben. Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch ganz hervorragend und flugs beame ich mich zurück um 20 Jahre als mir Rudi Stohl Anfang 2002 mitteilte: „I foa no amoi de Safari, oba deamoi midn Chris“. Ich war erstaunt: „Du willst mit Rosenberger als Co fahren?“, wollte ich wissen. „Na, midn Wikus von da Krone!“

Ich hatte Chris Wikus 1975 kennen gelernt, er war damals noch Damen-Basketballtrainer in der obersten Spielklasse und Nebenberufsjournalist. Später holte ihn der legendäre Michael Kuhn zur Kronenzeitung und übergab ihm 2003 sein Amt als „Sportchef“ der Krone. Christoph hatte in der Branche einen hervorragenden Ruf, seriös, unbestechlich und oft dreifach recherchierend! Und er hatte begonnen ein Buch über Rudi Stohl zu schreiben, über dessen Abenteuer in mehr als 30 Jahren. Wikus wollte also zum Abschluss hautnahe im Auto bei einer Rallye sein, nachdem er schon zwei Jahre zuvor eine komplette „Safari“ im Serviceauto miterlebt hatte. Und so ergab sich bei Stohls letzter „Safari“ zum ersten Mal, dass ein schreibender Journalist eine komplette Safarirallye mitfuhr, um danach aus dem Cockpit zu berichten.

2002 fand die Safarirallye im August in Kenia statt. In der damaligen Werkstatt von Manfred Stohl, in Leobersdorf, 30 km südlich von Wien, wurde ein Gruppe N Mitsubishi für Rudi aufgebaut. Manfred selbst lieferte sich in diesem Jahr ein erbittertes Duell mit Raphael Sperrer um den österreichischen Meistertitel (auch das wäre eine eigene Story wert), als ich nach dem Sieg des Junior bei der Castrol-Rallye in Sankt Veit an der Glan, die Nennliste für die bevorstehende Safarirallye erhielt. Unter den 48 Teams hatten acht Automobilhersteller 24 Piloten genannt und als ich Rudi fragte, wie hoch seine Chancen wohl wären kam die lapidare Antwort: „De miassn olle eascht ins Zü kumman.“

Die Regenzeit war längst vorbei, Rudi hatte den Mitsubishi nach Rotterdam transportieren lassen und ¬¬¬– wie so oft – mit „Kenya Flowers“ direkt nach Nairobi geschickt. Regelmäßig wurden aus Ostafrika Blumen nach Holland exportiert und beim Rückflug nahm man gerne kostengünstig Fracht an Bord. Das Roadbook bescherte Rudi eine Woche später eine intensive Nachdenklichkeit. Die Strecke war neu, dafür waren die Straßen brutal schlecht, wie Mäkkinen, McRae und auch Armin Schwarz berichteten.

Die Profis waren schon längst im Land, hatten reichlich Streckenkenntnis, aber auch Zweifel ob der eigenen Chancen. Rudi besichtigte mit seinem neuen Co-Piloten die erste Etappe und berichtete danach kopfschüttelnd: „jezd foa i do scho es zwanzigste Moi, oba sowas hob i no ned gsegn.“ Wikus gab seinen ersten Bericht mittels Handy an die Redaktion der Krone und ich machte mit meinem Nokia 2000 die ersten Fotos mit eher durchschnittlicher Qualität.

Tatsächlich hatte der Veranstalter schon am Beginn etliche Kilometer im Programm, die eine eilige Fahrt einfach nicht zuließen. So passierte Stohl auf den ersten 70 Kilometern gleich vier Mitbewerber, darunter auch die Werkspiloten Freddy Loix (Hyundai) und Marcus Grönholm (Peugeot 206). Als vier Kilometer vor dem nächsten Stopp ein Federbein im Mitsubishi den Dienst versagte und Stohl wieder mal unter dem Auto zu liegen hatte, beschloss er fluchend das Tempo zu drosseln. „Bei da 20. und lezdn Safari woit i unbedingt ins Zü kumman“, erklärte Stohl drei Tage später in Nairobi und wirkte zufrieden.

Aber bis dahin galt es weitere 1.000 km zu bewältigen und jede Menge Autogrammkarten zu unterschreiben. Nach 19 Safaris war Rudi schließlich bekannt wie ein bunter Hund, jeder Zeitnehmer, jeder Funktionär kannte den „crazy Austrian“ der einst mit einer Lada und später mit dem Audi Furore gemacht hatte. Und bei jeder Zeitkontrolle, jeder Einfahrt in die Servicezonen kam die Frage: „Rudy it`s true, your last Safari?“ Und Rudi nickte, verweilte für unzählige Fotos, verteilte Autogrammkarten, schüttelte unzählige Hände – und Co-Pilot Wikus verzweifelt den Kopf.

„Rudi, wir müssen weiter, wir stehen da schon wieder mehr als zwei, drei und mehr Minuten!“ Doch Stohl beruhigte „des san ollas meine Habara, de i woascheinlich nie wieda siech, mia miassn nua schaun, dos ma in da Ausschlusstolleranz bleibn. „Und Rudolf blieb bei seinem Konzept, fuhr vermutlich seine langsamste Safari und sah Ausfälle am laufenden Bann. Am Ende des ersten Tages fehlten neben Loix und Grönholm auch Armin Schwarz, Francois Delecour, Petter Solberg und Toni Gardemeister, am zweiten Tag mussten unter anderen auch Sainz, Mäkkinen und Eriksson in der achten Sonderprüfung aufgeben.

Nach der Neunten fuhr Richard Burns bis zur Servicezone doch bei der Einfahrt kippte das Auto rechts in den tiefen Sand, der Wagen blieb stecken und mit jedem verzweifelten Versuch grub sich der Peugeot immer tiefer ein. Fremde Hilfe war hier noch nicht erlaubt, Burns musste rund 100 Meter vom eigenen Service entfernt aufgeben ...

Als Stohl gut zwei Stunden später die Servicezone Richtung Parc Fermé verlassen wollte, passierte ihm ein ähnliches Missgeschick, doch Rudi bereinigte die Situation auf seine Art. Aussteigen, ein kurzer Blick auf den etwas eingesunkenen Mitsubishi, ein schneller Blick in die Runde und dann die Erkenntnis. Rudi eilt, mit Seitenschneider bewaffnet zu einer Werbetafel, schneidet sie aus der Verankerung und legt sie vor das Auto. Einmal kurz nachgedrückt und dann vorsichtig Gas gegeben, fertig. Wieder raus aus dem Auto, Werbetafel zurückgebracht und dem herbeigeeilten Werbemann ein schüchternes „Sorry“ zugerufen. Der gute Mann lächelt mild und meint: „It`s okay Rudi, keep driving.“

Nur noch 14 von ursprünglich 48 Teilnehmern starteten in den letzten Tag und es fielen noch drei weitere aus. Fast auch die beiden Österreicher und das kam so: Kurz vor dem Ziel der 11. Prüfung brach eine Spurstange und das Rad machte sich selbstständig. Rudi fuhr etwa 800 Meter auf drei Rädern bis zur Zeitkontrolle und während der Co-Pilot die Zeit eintragen ließ, besichtigte Stohl den Schaden und fuhr dann noch etwa 20 Meter bis er auf Asphalt sicher stehen konnte. Wagenheber raus, Auto aufheben, Werkzeugkasten aus dem Kofferraum und Stohl lag wieder einmal unter dem Auto. Hämmern, fluchen, anderen Schlüssel suchen, wieder fluchen und dann kam Stohl unter dem Auto hervor, eilte zum Zeitnehmer zu den Assistenten, zeigt den Schraubenschlüssel, brauchte einen etwas größeren.

„Rudi, we are not allowed to help“, stammelt der Zeitnehmer bekümmert, „wir dürfen Dir nicht helfen.” Aber schon hatte sich ein zweiter Zeitnehmer auf den Weg zu seinem Auto gemacht, kam nach einer Minute wieder, schlenderte an Rudis Mitsubishi vorbei und „verlor“ dabei fast spielerisch seine Werkzeugtasche. Ein Viertelstunde später schüttelte Rudi wieder Hände, verteilte Autogrammkarten und hörte noch einmal „Rudi it`s true, your last Safari ?“ Co-Pilot Wikus raufte sich das nun schon schütter gewordene Haar und stammelte hilflos: „Rudi, wir müssen fahren!“ Und Rudi verabschiedete sich, fuhr los, noch 82 km bis ins Ziel.

Colin McRae gewann 2002 die 50. Safarirallye – es war der letzte Sieg des charismatischen Schotten. Stohl/Wikus beendeten die wohl härteste Safarirallye auf Rang 11, mehr als 75 % der gestarteten Teilnehmer waren vorzeitig ausgeschieden. Als mir Rudi im Ziel die Geschichte mit der „gefundenen Werkzeugtasche“ erzählte meinte ich fassungslos: „Wieso hat Dir ein so wichtiges Werkzeug gefehlt, das ist doch unprofessionell!“

Da zuckte er mit den Achseln und antwortet: „Weus ma beim Transpurt von Wien noch Rotterdam ins Auto eibrochn und des komplette Werkzeig gfladert hobn. I hob ma daun vom Audi-Importeur in Nairobi a Werkzeig und an Wognheba ausbuagt.“ Leicht irritiert wollte ich wissen, warum er das erst jetzt erzählte und es kam die typische Antwort „I brauch kane Ausredn bevua irgendwos ned passiert…“

Fast zwanzig Jahre später frage ich Rudi Stohl am Telefon: „Ganz ehrlich Rudi, Safarirallye, Kenia, würde es Dich nicht reizen noch einmal zu fahren?“ Die Antwort kam blitzschnell: „Na, ma muass wissen, waun wos nimma geht!“

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