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Erinnerungen eines Sportreporters: Der vierte Mann!
Privat & Daniel Fessl

Der vierte Mann!

Es sind in jeder Sportart die großen Duelle, die über die Jahre und Jahrzehnte in Erinnerung bleiben. Und selten hatte der Österreichische Rallyesport ein größeres Duell zu bieten als das aus 2001 von Franz Wittmann, Raphael Sperrer, Raimund Baumschlager und dem vierten Mann: Manfred Stohl.

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Das Rallyejahr 2001 war in Österreich an Spannung kaum zu überbieten und wurde vor einer Rekordzuschauermenge im Waldviertel abgeschlossen. max-mobil war noch großer Sponsor, in den Niedermayer - Filialen wurde ein Jahresfilm des ORF mehr als 5.000x verkauft, noch heute findet man diese 70 Minuten lange Dokumentation auf YouTube – und das fast 21 Jahre später …

Es war schon sehr speziell, als „der Senior Franz" als 50-jähriger im Herbst 2000 verkünden ließ, „Einmal will ich noch Staatsmeister werden, dann hör ich auf!“ Da lächelte der amtierende Staatsmeister aus Oberösterreich mild,- stand doch Raphael Sperrer für die Saison 2001, nach dem Seat Cordoba, nun ein Peugeot 206 WRC zur Verfügung. „Wenn der Franz noch einmal gewinnt, geb ich meinen Schein ab“ kam das Echo aus Kirchdorf. Diese Aussage war keineswegs überheblich, denn erstens gab es in diesem Jahr keine Jänner-Rallye, bei der Wittmann kaum zu schlagen war, auch konnte Sperrer, dessen Qualitäten nie infrage standen, auf ein tolles Rallyeauto hinweisen und rechnete nicht zu Unrecht auf einen Dreikampf in der Meisterschaft 2001. Raimund Baumschlager brachte aus dem Hause Ford mit dem Focus ein neues Worldrallyecar an den Start und damit hatte Wittmann einen weiteren, sehr ernst zu nehmenden Gegner. „Der Franz ist bei jeder Rallye auf alles vorbereitet“, erzählte mir Jörg Pattermann bei unserem Treffen in Wien „keiner arbeitet so professionell, wiegt alle Möglichkeiten ab, denkt, überlegt, plant voraus und schenkt auch der kleinsten Kleinigkeit Beachtung.“ Dass der damalige Rekordmeister aber auch an den Eventualfall Manfred Stohl dachte, ist auszuschließen,- den Gedanken „was tun bei Punktegleichheit in der Meisterschaft", den hatte Wittmann allerdings dann schon zu Beginn des Sommers, aber mal hübsch der Reihe nach …

Meisterschaftsauftakt Mitte März auf dem A1-Ring in Zeltweg: Wittmann hatte Thomas Zeltner als Co-Pilot in seinem Toyota Corolla WRC und selbst der Generalimporteur, Kommerzialrat Frey, war vor Ort. Nach dem Vize-Meistertitel 2000 sollte nun das höchste Ziel erreicht werden, selbst gegen härteste Konkurrenz. Doch Sperrer begann wie aus der Pistole geschossen, Co-Pilot Per Carlsson arbeitete gewohnt professionell und die beiden sicherten sich einen klaren Sieg, während Wittmann alle Hände voll zu tun hatte, sich mit 16 Sekunden vor Baumschlager den zweiten Rang zu sichern.

Sperrer legte beim 2. Lauf in Wolfsberg, bei der Bosch-Rallye nach und sicherte sich einen überlegenen Sieg vor Baumschlager – Wittmann sechs Sekunden dahinter nur auf Rang Drei! Dass der gute Franz aber ausgerechnet in Oberösterreich die beiden Hausherren distanzieren konnte, hätte wohl keiner gedacht. Sperrer lieferte Wittmann, der diesmal Heike Feichtinger als Co-Pilotin hatte, einen erbitterten Kampf und musste sich doch mit 10 Sekunden Rückstand geschlagen geben. Dass Baumschlager, praktisch vor der eigenen Haustüre überhaupt keine Chance hatte, verwunderte doch sehr und dass Raimund über untaugliche Reifen jammerte, kam weder beim Hersteller noch bei den Fans besonders gut an.

Bei Willi Stenggs`s Wechsellandrallye im Raum Pinggau bescherte eine defekte Ölpumpe Raphael den ersten Ausfall und Wittmann stellte im Duell auf 2:2. Noch fünf Rallyes und nun begann der Franz im Adamstal zu rechnen: was, wenn es nach acht Rallyes 4:4 stünde, wenn die Entscheidung erst beim letzten Lauf im Waldviertel fällt? Zu Meisterschaftsbeginn war Manfred Stohl in Deutschland nur mit viel Pech Zweiter geworden, mit einem Toyota Corolla WRC – könnte ER das Zünglein an der Waage werden?

Ende Juni, bei der Castrol-Rallye im Raum Sankt Veit, deklassierte ein entfesselter Raphael Sperrer die Konkurrenz: zwei Minuten Vorsprung auf Wittmann und fast viereinhalb auf den drittplatzierten Baumschlager und nach dieser Machtdemonstration stand es 3:2.

Bei der Deutschlandrallye im August wurde Baumschlager hinter Werkspilot Bugalski Gesamtzweiter, noch vor Delecour und Marcus Grönholm – eine extrem starke Leistung die aber auch Achim Mörtl, trotz drei Strafminuten wegen unangemessener Eile auf der Etappe mit Rang 7 lieferte. Stohl, nach drei Reifenschäden mit dem Corolla wurde noch Neunter – und in Wittmann reifte ein Gedanke …

Vor allem, nachdem er bei der OMV-Rallye im Raum Aspang erneut nur Zweiter werden konnte und Sperrer auf 4:2 im direkten Duell stellte. Nur 16 Sekunden hinter Franz, Manfred Stohl erneut im Corolla – und Wittmann führte die ersten Gespräche mit dem Generalimporteur …

Im Burgenland hätte Wittmann noch eine Brotzeit vor der Zieldurchfahrt einnehmen können: Sieg mit fast sechseinhalb Minuten Vorsprung, weil Sperrer mit argen Troubles nur Vierter werden konnte und sichtlich nervös wurde – nur noch 4:3.

„Wenn ich die nächste Rallye auch gewinne und Toyota Österreich dann unbedingt den Meistertitel haben will, brauch ich im Waldviertel Verstärkung Herr Frey" erklärte Wittmann und lieferte vor zigtausend Fans rund um Admont Raphael Sperrer ein mitreißendes Gefecht. Wieder mit Heike Feichtinger im Corolla blieb er im Ziel nur um ZWEI Sekunden voran – Baumschlager mit über einer Minute Rückstand wurde Dritter. Sperrer gegen Wittmann stand nun 4:4 – Toyota spendierte den Einsatz und nun setzte Manfred Stohl für Wittmann den Helm auf …

Die Rechnung war einfach und das Konzept klar: Wittmann hatte 2001 keinen Ausfall und als schlechtestes Ergebnis einen 3. Rang – Sperrer einen Ausfall, aber einmal nur Rang Vier! Raphael MUSSTE also bei diesem Punktegleichstand von 125:125 gewinnen um mit 5:4 Siegen doch noch Meister zu werden.

Wittmann, der schlaue Fuchs, hatte als Joker Manfred Stohl im Talon, der besonders im Waldviertel, auf gemischten Terrain und widrigen Bedingungen, bei Regen oder schmieriger Fahrbahn im November fast unbezwingbar schien. In meinen Erinnerungen war es die spannendste Meisterschaftsentscheidung überhaupt, gut 50.000 Fans wollten schon am Beginn Franz Wittmann feiern, doch grau ist jede Theorie, wenn man gleich zu Beginn die falsche Reifenwahl trifft. Nach den ersten vier Prüfungen führte Sperrer mit fast 24 Sekunden Vorsprung, Jubel bei Peugeot – lange Gesichter bei Toyota, nur der gute Franz genoss die bizarre Novemberstimmung und Stohl brummt gelassen: "ka Problem, den hoi ma uns no heite“ und Manfred sollte recht behalten.

Mit neuen Pfötchen auf den Felgen schlug das Imperium gnadenlos zurück, von den folgenden sieben Prüfungen gewann Wittmann vier, Stohl die restlichen drei und am Ende des ersten Tages war Sperrer nur noch Dritter. Dabei war die Konkurrenz mächtig, Ungarns Rekordmeister Janosz Toth im Peugeot WRC war aber ebenso chancenlos wie Rumäniens Constantin Aur, Tschechiens Vaclav Pech im Corolla WRC und Polens Tomasz Kuchar ebenso. Auch Raimund Baumschlager lag vor dem zweiten Tag mit über einer Minute Rückstand auf Sperrer an vierter Stelle. Nun startete der führende Wittmann vor Stohl und Sperrer und die Bestzeiten der folgenden vier legendären Sonderprüfungen Waidhofen – Jetzles - Rafings und Hollenbach teilten sich Wittmann und Stohl, da nützen auch Sperrer`s folgende drei Bestzeiten nichts.

Hollenbach zum vorletzten Mal und Stohl liefert über 7,6 km eine Fabelzeit, er distanziert Wittmann um sieben Sekunden, übernimmt die Führung und Sperrer hat schon 45 Sekunden Rückstand. Am Start der noch folgenden Sonderprüfungen feiern die Fans Wittmann und Stohl – Sperrer wird ausgebuht, man zeigt ihm den verkehrten Daumen und ich finde das heute noch äußerst unfair! Sperrer hatte einen grandiosen Kampf geliefert, hatte 19 Sonderprüfungen dagegen gehalten und ich fand, er hätte sich mehr Fairness verdient!

Raphael gab auch auf der fast 23 km langen Prüfung Waidhofen 3 das letzte Hemd, aber es waren nur Zehntelsekunden, die er aufholen konnte. Und dann begab sich, nach einer weiteren Bestzeit von Stohl auf der vorletzten Prüfung, ein interessantes Gespräch zwischen dem Joker und dem neuerlichen Staatsmeister, welches mich noch heute schmunzeln lässt. Am Vorstart zur SP Hollenbach stieg Manfred Stohl aus dem Corolla und eilte nach vorne: „Franz, wia legst es an, i kaun locka zehn Sekunden nochlossn, Raphael hot ka Chnace mehr. Du host mia a kostnlose Rallye in an WRC ermöglicht, wüst ned a gwinnan?“ Doch der stolze Franz meinte nur: „Na, du hast es dir verdient und du brauchst jezd a an Sieg“. Beim Rückweg zu seinem Corolla warf Stohl noch einmal einen Blick auf Wittmanns Toyota – Franz hatte beim letzten Service für die verbleibenden 40 Kilometer neue Reifen aufgezogen. Stohl schmunzelte noch als er ins Auto stieg und die Gurte stramm zog. Der Starter zählte die letzten Sekunden herunter und Wittmann fuhr los wie der Teufel, als müsste er Sperrer noch einmal besiegen. Manfred blickte zu seinem Co-Pilot: „so Peda, jezd brenn ma eana no amoi ane auf!“ Wittmann fuhr seine schnellste Zeit auf der „Hollenbach“ mit 5,01,3 – aber auf Schotter konterte Stohl mit ebenfalls persönlicher Bestzeit: 4.56,9 und holte sich souverän Platz Eins im Waldviertel. Das Konzept des gewiegten Taktikers war voll aufgegangen – und Franz Wittmann beendete seine letzte volle Saison mit einem weiteren Meistertitel.

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