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Erinnerungen eines Sportreporters: Georg und die Kernseife
Fotos: Archiv Motorline, Peter Klein privat

Georg und die Kernseife

Peter Klein wartet dieses Mal mit einer ganz besonderen Anekdote an die Jänner-Rallye 1983 auf, bei der Kernseife und eine Funkübertragung von Georg Fischers Puls tragende Rollen spielen...

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Nur weil es schon bald 38 Jahre her und diese Schandtat längst verjährt und nicht mehr klagbar ist, möchte ich die Leser von Motorline.cc, dank fröhlicher Erinnerung, über eine hochwissenschaftliche Anekdote anlässlich der Jänner-Rallye 1983 informieren.

Dieser erste Meisterschaftslauf des Jahres wurde damals vom BRK (nein, das waren nicht die Badener Rauschkugeln sondern der Badener Rallyeklub) gemeinsam mit dem ÖAMTC ZV Baden veranstaltet. Federführend waren Präsident Joschi Stoffer, der Obmann des BRK, Gunther „Gunzl“ Böhs und Hotelier Helmut Grünwald, alles ehrenwerte Bürger dieser Stadt denen alkoholische Getränke wie Wein, Bier oder auch Fernet Branca nicht allzu fremd waren.

Diese verdienstvollen Männer, ohne die es eine Jänner-Rallye nie gegeben hätte, sind leider viel zu früh von dieser Welt gegangen und sind, nach einem Umweg über die Weinverkostung im Fegefeuer, ganz sicher im Himmel angelangt. Ich nutze die kurze Gedenkpause und trinke, ziemlich wehmütig, ein Glas Aperol-Prosecco auf euer Wohl dort oben.

Zurück in die letzte Dezemberwoche vor Weihnachten 1982. Es war Montag der 20.12. als ich – mit Roadbook ausgerüstet und von Co-Pilot Walter Blieberger begleitet – gen Freistadt fuhr, um die Sonderprüfungen zu erkunden und Kamerapositionen zu fixieren. Schnee so weit das Auge reichte, von Grünbach bis Königswiesen, es galt für die Teilnehmer 29 Sonderprüfungen zu bereisen. Nach dem Abendessen gab es als Belohnung für die geleistete Vorarbeit ein kleines Getränk in der legendären Sailors-Bar in der Dechanthofgasse zu Freistadt (angeblich gibt es dieses denkwürdige Lokal noch heute ).

Mein Freund Walter war beim 3. Achterl angelangt, ich hinkte wieder einmal hinterher, als sich die Türe öffnete und der Gemeindearzt von Lasberg zur Visite erschien. Dr. Helmut Czejkal, rühriger Rallyefreak, späterer Sponsor und Teamchef von Raimund Baumschlager und Andreas Waldherr, nahm bei uns Platz und Freund Walter genoss sein viertes Achtel Rotwein.

Und weil Männer bekanntlich bei weitem nicht soviel quatschen wie Frauen und ausschließlich seriös über die wichtigsten Dinge des Lebens diskutieren, wurde folgende, ruchlose Idee geboren. Unser Opfer war Ex-Staatsmeister Dipl. Ing. Georg Fischer, denn Georg hatte immer die Haare schön...

Der Akademiker Fischer wurde auserwählt und sollte fachmedizinisch betreut werden. Dr. Czekal wollte eine Antenne an Fischers Helm befestigen und auf der SP Lasberg (dort befand sich auch Helmuts Ordination) die Gehirnströme via Funk messen, um so die psychische Belastung des Rallyepiloten, z.B bei Höchstgeschwindigkeit auf Eis- oder Schneefahrbahn, beziehungsweise beim Sprung über eine Kuppe analysieren zu können. Dieses hochgeistige Gedankengut wurde im Verlauf der folgenden Getränkerunden ausgebaut.

Zum Behufe einer glasklaren Messung sollte Dipl. Ing. Fischer sich am Vorabend die Haare ausschließlich mit Kernseife waschen und nur kurz ausspülen (wer sich einmal mit einer Hirsch-Kernseife die Haare gewaschen hat weiß, dass danach Übles passiert...) Ich war inzwischen auch schon beim dritten Achterl angelangt, als mich der Teufel ritt. „Wir bauen das in den TV-Bericht ein, machen auf wissenschaftliche Arbeit und richtig spannend.“ Eine Woche später sprachen wir bei Georg vor, überzeugten ihn von der Bedeutung dieses wissenschaftlichen Experiments und der dementsprechenden Fernsehzeit.

Georg dachte an seinen Hauptsponsor, pikanterweise die Whiskymarke Jim Beam, an vermehrte Sendezeit und war selbst neugierig auf seine Psyche im Renntempo. Am Tag vor dem Start fuhr ich mit Kamerateam in die Ordination nach Lasberg, wir drehten Dr. Czejkal im weißen Arbeitsmantel und mit Stethoskop voll konzentriert vor einem Gerät mit Zeiger der den Puls messen sollte. Einstellung auf 60, danach langsames Erhöhen auf 70, 80, 95 und ein Sprung auf 160 Puls, die Vorfreude war groß und wir lachten uns scheckig.

Am Abend hatte Georg Fischer Arztbesuch im Hotel, Doktor Czejkal kam mit Hirsch-Kernseife bewaffnet und wusch eigenhändig Fischers Haupthaar. Nach kurzer Spülung wurde ein Handtuch um den Kopf gewickelt- „ des muasst bis in da Fruah obn lossn“ – so der ärztliche Befehl. Georg hatte auch seinen Helm abzugeben, dieser würde vom Funkfachmann über Nacht mit Antenne und kleiner Batterie ausgerüstet und direkt zum Start gebracht.

Georg Fischer war immer ein hübsches Kerlchen, stets gepflegt und fein frisiert, doch am Freitag dem 07. Jänner standen die Haare zu Berge, verfilzt nach der Kernseife unter einer Haube versteckt. Und Georg war unzufrieden, mürrisch aber doch neugierig. Der Herr Doktor brachte den Helm, obenauf eine kurze Antenne, die nur ein angeklebtes Stück Draht war... Vorsichtig stülpte sich Georg den Helm über und blickte angespannt in die Kamera. „Wir werden Deine erste Sonderprüfung komplett übertragen und dabei die Pulsmessung einspielen - neugierig?“ lautete meine Frage und Georg ganz cool: „Neugierig ja, aber nicht nervös oder aufgeregt.“

Gesagt – getan, wir spielten Georg am Start der Sonderprüfung mit 60 Puls – vorrollen zum Start,- der Puls steigt auf längst gedrehte 70, der Starter zeigt 5-4-3-2-1 – die erste Ansage von Co-Pilot Michael Weinzierl – der Puls steigt im Bild langsam auf 80 und in der Folge wie gedreht auf 95. Wir zeigen Onboard-Bilder und von außen, Georg nähert sich dem Wald „150 links drei bis vier plus 200 über Kuppe gerade voll“ dröhnt die markante Stimme des Beifahrers und als Georg über die Kuppe abhebt und gut 25 Meter weit fliegt, lasse ich das blinkende Bild mit Puls 160 einblenden.

Nach der Sendung ist man in der ORF-Sportredaktion voll des Lobes ob unserer Innovation, zahllose begeisterte Anrufe von Rallyefans und auch Georg Fischer meldet sich: „Sog echt, 160 Puls hob i ghobt bei dea Kuppn?“ wollte er bestätigt wissen und „a Wahnsinn, hätt i ned glaubt oba hochinteressant. Nua de Hoa wosch i ma nie mea mid Kernsaf“, ich wollte schreien vor Glück. „Georg, das alles war nur a Schmäh vom Doktor und von mir!“ Ich erzählte ihm von der Entstehung der Geschichte in der Sailors-Bar.

„Ihr seid´s echte Gfrasta, oba die Sendezeit woa guat und dem Sponsoir hot`s gfalln“ meinte der fesche Georg noch und zitierte dann aus seiner Zeit am Gymnasium: „In mundo velle falli, et fallere eum – die Welt will betrogen sein…“ Der Gemeindearzt aus Lasberg erhielt in der Folge einige Anfragen über die Pulsmessung per Funk anlässlich einer Rallye im Jänner 1983. Es würde bald eine schriftliche Abhandlung für das Kollegium geben war die Antwort des Schelms – und er vergaß.

Und Georg Fischer? Ich bin sicher, er lächelt gnädig auf einer Wolke sitzend bei einem Glas geliebten Tawny Portwein über diese Zeilen, erinnert sich an damals und plant schon längst den Streich, den er uns einmal spielen wird...

I have a dream I have a dream Im Zeichen des Löwen! Im Zeichen des Löwen!

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