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Erinnerungen eines Sportreporters: Nun bist Du frei ...
Fotos: Klaus Neuberger privat

Nun bist Du frei ...

Peter Klein erinnert sich an verstorbene Wegbegleiter im Rallyesport, darunter auch die Co-Pilotin Jutta Gebert, die vor 19 Jahren bei einem schweren Unfall im Wechselland ums Leben kam.

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

So viel Unterhaltsames, Fröhliches, zum Schreien Komisches ruht noch in meinen Erinnerungen nach mehr als 36 ORF-Berufsjahren. Doch mir ist nicht nach Fröhlichkeit und Unterhaltung, Nachdenklichkeit hat sich in den vergangenen Tagen in mir breit gemacht. Persönlich habe ich Christof Klausner kaum gekannt, seine sportlichen Ergebnisse konnten mit seinen folgenden Showfahrten als „Course Car“ oder „Show Event only“ nicht Schritt halten, was aber auch gar nicht sein Ziel war.

Zu Recht wurde er in dieser Rolle schnell zum Publikumsliebling, bis er bei der Jänner-Rallye 2020 die Grenze seines Könnens überschritt und den heißgeliebten Quattro zerstörte. Sein tödlicher Motorrad-Unfall weckte aber viele Erinnerungen in mir. Wie viele habe ich doch näher gekannt, die dem Rallyesport verfallen waren und von uns gegangen sind. In meinen Erinnerungen sind Henri Toivonen und Sergio Cresto die Ersten die bei dem Feuerunfall vor 35 Jahren auf Korsika ihr Leben ließen.

Bernhard Geramb und Christian Neuhold vor bald 23 Jahren in der Steiermark, Herbert Breiteneder im Lavanttal 2008, Andi Waldherr den sein Rallyeauto vor zehn Jahren erdrückte, Sewi Hopfer starb vor 30 Jahren, Ferdinand Hinterleitner, der legendäre Co-Pilot von Sepp Haider dem eine Straßenbahn 1990 zum Verhängnis wurde, Herbert Lettner im Jahr 2000, Colin McRae der sieben Jahre später mit einem Hubschrauber abstürzte. Es sind zu viele, an die ich mich erinnere und doch, ein Ereignis berührte mich besonders und ist auch heute noch, nach mehr als 19 Jahren eine schmerzliche Erinnerung.

25. Mai 2002

Ich habe im Verlauf der Jahre sicher sechs oder sieben Mal den Unfallort aufgesucht. Bin von einer Hin- oder Rückfahrt auf der Südautobahn am Fuße des Wechsels in Pinggau einfach abgefahren um IHR zu gedenken. Meist mit leeren Händen, einmal mit Blumen, einmal hatte ich eine Kerze mitgebracht und immer war ihr Gesicht präsent. Diese strahlenden Augen, die Leidenschaft für den Rallyesport, das blonde Haar, der stets unbeschwert lächelnde Mund. Ich war schon lange nicht mehr dort, etliche Jahre sind seit dem letzten Besuch vergangen und ich gebe der Pandemie dafür die Schuld.

Es sind doch nur knappe 80 Kilometer drängt mein Gewissen und es ist wie Zwang, als ich ins Auto steige. Tempomat auf der Südautobahn, 100 km/h sind eingegeben, ich will nicht hasten, will nachdenken und es fallen mir alle oben Genannten ein – und noch einige mehr. In den Nachrichten höre ich, dass Charlie Watts von den Rolling Stones gestorben ist. Na ja, denke ich, immerhin ist er 80 Jahre alt geworden, SIE war gerade mal 32.

Nach einer dreiviertel Stunde erreiche ich die Ausfahrt Pinggau, die Straße führt bergab bis zu einem großen Kreisverkehr und ich beschließe, nicht wie sonst direkt, sondern über die gesamte, knapp sieben Kilometer lange Sonderprüfung zu fahren. Also Kreisverkehr erste Ausfahrt rechts, noch zirka 500 Meter, dann links zur kleinen Hütte, zum Start der 11. Sonderprüfung – der ersten an diesem Samstag im Jahr 2002.

Ich war damals mit meinen beiden Teams um 9:00 Uhr über eine andere Straße direkt in den kleinen Ort Sparberegg gefahren, keine 180 Einwohner, aber eine Kirche, ein Gasthof und gut 500 Rallyefans. Diesmal stehe ich am Start, unmittelbar danach führt die enge Asphaltstraße in den Wald. ROLLSPLITT steht an der Tafel geschrieben, ich fahre langsam los, tauche ein in den Wald wo zwischen den Bäumen manchmal die Sonne blinzelt. Hier sind sie also gefahren, Beppo Harrach und Jutta Gebert im Mitsubishi mit der Startnummer 5, nach Raphael Sperrer, Manfred Stohl und Raimund Baumschlager, nur ein paar Minuten nach halb Zehn. Tatsächlich liegt teilweise auch diesmal Split auf der nicht einmal drei Meter breiten Straße, sie ist feucht und ich schaue auf den Tacho – Tempo 65.

Die Herrschaften damals sind sicher doppelt so schnell hochgefahren denke ich und fühle eine Beklemmung in mir. Wie weit ist es noch bis Sparberegg, denke ich, wie viele Kilometer waren es bis zur Unfallstelle und ich werde langsamer obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. Wieder ein greller Sonnenstrahl zwischen den Bäumen und nur noch ein paar hundert Meter bis zum Ortsbeginn. Nach der Sonderprüfung Sparberegg waren damals noch zwei weitere Prüfungen zu bestreiten. Tanzegg und Steirisch Tauchen, knappe 24 Kilometer und danach wieder in die Servicezone wo ich 2002 die ersten Interviews eingeplant hatte. Wieder drängt die Sonne aus den Wolken und ich klappe die Sonnenblende herunter.

Heraus aus dem Wald, noch etwa 100 Meter bis zur Ortstafel, danach rechts hinein die ersten Häuser. Wie schnell werden sie hier wohl gefahren sein überlege ich, sicher über 100 km/h. Ich stand mit meinem Kamerateam unterhalb der Kirche, rundum viele Rallyefans, die Raphael Sperrer im Peugeot WRC bejubelten. Dann Manfred Stohl im Ford Focus mit Co -Pilotin llka Minor und einer knappen Sekunde Rückstand, dann Baumschlager und mein Handy läutete.

Walter Blieberger, mein ewiger Co-Pilot stand mit dem zweiten Kameramann etwa 400 Meter nach dem Ortsende und berichtete von einer atemberaubenden Abfahrt: „de foan do mit mindestens hundatochzg bei uns vuabei“. Die Menge jubelte, auch der Wirt, der das Geschäft des Jahres machte. Selbst Hochwürden war aus der Kirche getreten um zu beobachten was hier geschah, damals, vor mehr als 19 Jahren. Ich bog vorsichtig nach rechts, nach wie vor kein Gegenverkehr, kein Mensch auf der Straße. Dann die Kirche, unter der wir damals in einer Hundertschaft standen. Niemand ist zu sehen und das „Haus Gottes“ wirkt diesmal nicht tröstend, sondern eher bedrohlich auf mich.

Vorbei am Gasthaus , ich fahre sehr vorsichtig und werde erst nach dem Ortsende wieder schneller. Etwa 400 Meter hinab, hier haben damals wohl alle voll beschleunigt und das Tempo in den neuen Wald mitgenommen. Ich bleibe stehen und blicke zurück. Mein zweiter Kameramann hatte damals den Blick hinauf zum Ortsende, es war die ideale Fortsetzung von den Bildern aus der Ortsmitte. Ich steige wieder ein und erneut macht sich Beklemmung in mir breit. Noch 200 oder 300 Meter bis zum Unfallort, Split, feuchte Stellen, ob das Kreuz noch steht?

2017 habe ich es zuletzt gesehen und denke, es hatte wohl der Partner von Jutta dort gesetzt, unmittelbar neben dem Baum, an den der Mitsubishi mit grausamer Wucht geprallt war. Und jedes Mal wenn ich dort war, sah ich frische Kerzen, ein Bukett oder Schnittblumen und war zufrieden. Man hatte sie nicht vergessen, viele, nicht nur ich haben ihrer gedacht.

Doch nun, weitere vier Jahre später, nach mehr als 20 Monaten Pandemie, gibt es, mehr als 19 Jahre nach dem Unfall noch immer ein Gedenken an Jutta? Zögert mein Auto, habe ich Angst vor einer maßlosen Enttäuschung, warum werde ich immer langsamer? Und dann sehe ich es, rechts neben dem Straßenrand, das Kreuz, den Baum dessen Rinde nicht mehr heilen konnte und ich halte am linken Straßenrand. Ich will mit dem Auto nicht stören, die Erde ist weich als ich aussteige und ich blicke hinüber.

Es ist eine fast unheimliche Stille um mich, langsam quere ich die Straße, ich bin alleine mitten im Wald und genieße die Ruhe. Vor dem Kreuz mit der Gedenktafel bleibe ich stehen und sehe einen Strauß Blumen der noch nicht lange verwelkt ist, eine Kerze, die vielleicht vor einem Monat noch gebrannt hat und eine friedvolle Erleichterung ist in mir.

Nein, man hat Jutta nicht vergessen, auch andere haben ihrer gedacht, haben diesen Platz aufgesucht, haben wie ich hier gestanden und die Gedanken in das Jahr 2002 gleiten lassen. Ich habe ein Kerze im Glas mit gebracht und knie nieder. Erst das vierte Streichholz will brennen und dann brennt auch der Docht. Und ich sehe das Bild, lese was auf der Tafel geschrieben steht und denke, JA, genau so ist es.

Nach etwa einer Viertelstunde steige ich in mein Auto um wieder nach Hause zu fahren. Es ist ein gutes Gefühl in mir, ich werde wieder hierher kommen und in meinen Erinnerungen wird Jutta bleiben. Und jetzt weiß ich auch den ganzen Vers, mit dem ich teilweise begonnen habe:

Eines Morgens wachst Du nicht mehr auf, die Vögel aber singen, wie sie gestern sangen. Nichts ändert diesen Tagesablauf, nur Du bist fortgegangen. Nun bist Du frei und unsere Tränen wünschen Glück ...

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