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Erinnerungen eines Sportreporters: Klassisch, oder modern?
Rosenberger Privat

Erinnerungen eines Sportreporters: Klassisch, oder modern?

Kris Rosenberger wird mit der Startnummer 1 bei der "Safari Classic" an den Start gehen. Peter Klein traf sich mit dem 2019er-Sieger des anspruchsvollen Wettbewerbs und entlockte ihm so manch spannendes Detail zu seinem Triumph und seinen weiteren Plänen.

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Da sitze ich erstmals im Kreis einer kleinen, aber feinen "Dienstag-Runde" und lausche den Worten alteingesessener Rallyefreaks. Diese Zusammentreffen alter Haudegen gibt es im Raum Baden bei Wien seit vielen Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten. Harald Gottlieb "godfather of the co-pilots" sendet an jedem Dienstagmorgen eine SMS an die Runde, um den Treffpunkt und Uhrzeit der Zusammenkunft bekannt zu geben – und oft sind es zwei Dutzend alteingesessener Rallyenarren, die dann zumeist pünktlich beim genannten Heurigen eintreffen. Die Pandemie hat diese Runde aktuell leider ausgedünnt und so sind wir diesmal gar nur ein halbes Dutzend besserwissender Rallyefachleute. Und staunend erfahre ich "da Kris hot bei da Safari die Startnumma Ans!" Ich wusste gar nicht, dass der Sieger der "Safari-Classic 2019" erneut genannt hatte und blitzartig hatte ich eine neue Geschichte für motorline.cc im Kopf.

Kris Rosenberger kenne ich seit etwa 30 Jahren und habe nicht nur über seine spektakulären Fahrten in Österreich berichtet. Oft genug habe ich ihn auch bei diversen Weltmeisterschaftsläufen begleitet, nach Neuseeland oder Portugal, Spanien oder Argentinien, Australien oder Afrika. Und es war 1998 als gleich drei Österreicher bei der Safarirallye ins Ziel kamen und Kris belegte mit seinem Golf den 8. Gesamtrang. Wie endet also der Vergleich mehr als 20 Jahre später und warum bei der "Safari Classic" und nicht bei der "Safari neu" will ich wissen. Und warum sollen meine Erinnerungen nicht einmal in der Gegenwart beginnen? Ich habe Kris schon mehrere Jahre nicht mehr gesehen, zuletzt wohl bei der Schneeberglandrallye vor mehr als acht Jahren. Per WhatsApp nehme ich Kontakt auf, Kris meldet sich sofort und erfreut vereinbaren wir ein Treffen in Graz. In unser beider Leben hatte sich ja einiges verändert und neugierig begebe ich mich auf den Weg mit dem Gedanken: "hat er sich verändert, der Kris?"

Neben seiner Liebe zu Rallyesport hatte Kris schon immer eine Affinität zu Motorrädern und damit auch zu Motocross. Ich war dabei, als er 2003 am legendären Erzberg gegen Heinz Kinigadner um die Wette fuhr und nur denkbar knapp unterlag. Aber ich will mich nicht verzetteln in der Vergangenheit,- es geht um das jetzt und heute und um den Vergleich zwischen 1998 und 2022.Kris erzählt: "Damals fuhr ich praktisch im Semi-Werksteam von VW mit einem Golf III Kit Car, mit Per Carlsson als Co-Pilot. Raimund Baumschlager, der ja 10 Jahre älter ist, hatte vorab schon tausende Kilometer in Kenia getestet, war zuvor schon zwei Jahre mit Klaus Wicha gefahren, hatte tolle Entwicklungsarbeit geleistet und war bereits im dritten Jahr Werksfahrer." Die Safari war damals wie ein Magnet für Journalisten und Fernsehstationen aus aller Welt und auch ich war für den ORF vor Ort. 49 Nennungen – aber sechs Werkteams, denn auch Mitsubishi, Subaru, Ford, Toyota und Seat hatten ihre Profis an den Start gebracht. Wie fühlte man sich in der Creme der Weltklasse, will ich wissen? "Es war natürlich sensationell, mit Profis wie Mäkkinen, Sainz, Kankkunen, Vatanen, Auriol oder McRae zu plaudern, die hier schon zig-tausende Kilometer abgespult hatten. Wir wussten natürlich, dass wir, nur mit Vorderradantrieb, keine Chance hatten, aber dass es dann so eine Zielankunft gab, dass so viele Werksfahrer auf der Strecke bleiben würden, dass von 49 Gestarteten nur noch 19 ins Ziel kamen, damit konnte man wirklich nicht rechnen. Du fährst nicht auf gesperrten Strecken, eilst mit 180 km/h durch die Savanne, siehst Giraffen, Flusspferde, Elefanten oder jede Menge Gazellen und Zebras – und dann kommt dir ein Pickup  oder auch LKW entgegen. Es ist derart faszinierend und schweißtreibend, aufregend und schön und mir war damals klar, nach Kenia komme ich wieder."

"Niki, meine Lebenspartnerin mag Rallyes wie ich, bei den "Austrian Legends" fuhr sie mit mir im Porsche als Co-Pilotin und als ich von der "Safari-Classic" erzählte, war auch sie Feuer und Flamme. Ich erfuhr von den Teams, die gleich mehrere Teilnehmer betreuen und von Tuthill-Porsche, dem Spezialisten für historische Porsches im Vereinigten Königreich. Die übernehmen den Einsatz, stellen spezialisierte Mechaniker bei der Rallye und betreuten 2019 gleich sieben Teilnehmer."

Ich hatte meine Aufgaben gemacht und genau recherchiert, es gab vor drei Jahren 20 Nennungen und nur drei Ausfälle.

"Stimmt", antwortete Kris, "aber man muss dennoch erst ins Ziel kommen und sich gegen Fahrer wie Blomquist, Duncan, Jayant Shaw oder Aslam Khan durchsetzen. Diese Männer kennen das Land wie ihre Westentasche, Stig ist schon 1971 in Nairobi am Start gewesen und seither 16x die Safari gefahren, Duncan lebt in Kenia, hat dort rund 160 Rallyes bestritten, ist 19x die Safari gefahren und war Werksfahrer bei Toyota und Subaru,  auch die anderen wie Shaw, Tundo, Amos oder Khan trödeln nicht." Ich muss Kris Recht geben, die "alte Safari" lässt sich mit keiner anderen Rallye vergleichen. Man fährt im öffentlichen Verkehr, durch die Savanne, oft im dichten Staub, über Felsen und Geröll, durch Flüsse und über durch Regen verschlammte Straßen. Man muss schnell sein, aber in angemessener Eile, man muss improvisieren und taktieren, muss reparieren und sich im Motorraum zurechtfinden, immer konzentriert bleiben und vor allem auch auf die Tierwelt achten.

Wie konnte Kris also 2019 mit all diesen Gegebenheiten und gegen derart routinierte Klassefahrer gewinnen? "Ich habe mich an Stig Blomquist gehalten, seine Taktik beobachtet, schließlich hat der Mann mehr als 400 Rallyes in seinem Leben bestritten und Stig fuhr hier oft die letzte Sektion langsamer, um nicht am darauffolgenden Tag als Erster auf die Strecke zu müssen. Als Erster im Bewerb zu fahren ist ein Albtraum, man fährt praktisch als Warnsignal für alle anderen, verjagt den öffentlichen Verkehr, Tierherden  geben durch das Motorengeräusch die Strecke frei, man ist permanent hoch sensibilisiert.

Am letzten Tag musste Stig aber als Erster auf die Strecke,- ich lag knapp sieben Sekunden hinter ihm und hatte über eine halbe Stunde Vorsprung auf den Dritten. Nikki, meine Co-Pilotin hatte absolut fehlerfrei navigiert als wir von Tuthill angefunkt wurden, dass riesige Wasserdurchfahrten und Morast zu bewältigen wären. Wir waren vom Parc ferme zur ersten Zeitkontrolle gefahren und hatten eine mehr als 63 km lange Sektion zu fahren. Vor uns Blomquist und er hatte vorne schon Regenreifen aufgezogen, als bei uns die Hektik ausbrach", erzählt mir Kris. "Also raus aus dem Auto, zwei schmale Reifen hatten wir stets mit. Ich links vorne – Nikki rechts vorne, Stig beobachtete mild lächelnd die Situation – und bewies einmal mehr wahre Größe. Er sah wie sich Nikki mit ihren 52 Kilo Körpergewicht abmühte und half ihr beim Reifenwechsel, half also seinem härtesten Konkurrenten! Auf den restlichen 80 Kilometern konnte ich Blomqist mehr als eineinhalb Minuten abnehmen, gewann meine erste "Classic - Safari" und durfte Stig bei der Abschlussfeier im Resort einige Drinks ausgeben."

Am 10. Februar startet Kris Rosenberger ein weiteres Mal mit seiner Nikki und ich frage ihn, warum er denn nicht gleich beim WM-Lauf im Juni 2021 gefahren ist? "Erstens war das nicht die Safari, wie ich sie 1998 kennengelernt und 2019 erlebt habe. Der WM-Lauf hatte 320 Sonderprüfungskilometer im geschützten und gesicherten Terrain,- die fährt man bei der "Classic" an einem Tag im öffentlichen Verkehr. Ich will Abenteuer, Improvisation, Gleichmäßigkeit, Natur, Schwierigkeiten die man bewältigen muss, um ganz vorne zu sein, ich will eine Safari wie anno dazumal! Ohne Training, nur nach Roadbook fahren, ohne Werkseinsatz, ohne Hubschrauberunterstützung, ohne fixer Servicezone mit warmer Küche und Masseur. 2019 gab es 20 Nennungen – heuer sind es schon 49!" Ich bin lästig und frage nach der Erwartungshaltung, schließlich kann man doch nicht mehr als gewinnen? Da lächelt Kris nonchalant und meint: "Ich fahre Rallyes aus Begeisterung, aus Liebe zum Sport und nicht aus Eitelkeit!"

Ich verspreche wieder nach Graz zu kommen, nach der Safari und wir reichen uns die Hände. Ich spüre die Kraft in seine Armen, er ist sichtlich austrainiert, konditionsstark und fit genug um mit 52 Jahren eine klassische Safarirallye locker zu absolvieren.

Und ich will dann wissen, wie es war und ob er nach seinem letzten schweren Unfall nicht auch ein wenig Angst unterdrücken musste.

Und wie eigentlich alles begann, damals, als er mit seinen Eltern als Dreijähriger von Kanada nach Österreich kam und wie er schon im Kindesalter die Liebe zum Motorsport fand.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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