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Erinnerungen eines Sportreporters: Eine Hymne für die "Narren"
Fotos: Peter Klein privat, Daniel Fessl, Phillip Brunner, Marco Mayrhofer

Eine Hymne für die "Narren"

Was wäre die Rallye-Szene ohne die zahlreichen Fotografen, die spektakuläre Bilder liefern? Peter Klein widmet diese Kolumne der oft aufwändigen und vielfach unbelohnten Arbeit der Rallye-Fotografen.

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Wie geht es Dir, Du Leser dieser Zeilen, wenn Du um Mitternacht Deine müden Knochen zu Bett bringst und versuchst, den Gedanken zu entfliehen? Zählst Du Schafe, denkst bereits an den kommenden Tag, an einen möglichen Lottogewinn, an verlorenes Glück? Ich dachte letzte Nacht an den verwichenen Tag, an die sportlichen Geschehnisse, an Herrenabfahrten und Super G in Kitzbühel, an Schladming, Golf in Abu Dhabi und Rallye Monte Carlo. An den letzten Bericht auf Motorline.cc und an die Bilder die ein besessener Fotograf gemalt hatte. Und da fielen sie mir wieder ein, alle Fotografen die ich im Verlauf von fast 30 Jahren kennen gelernt hatte und vor denen ich mich nun – viel zu spät – mit höchster Achtung verneige, vor den „Narren“ des Rallyesports.

Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera (Giselle Freund 1908 – 2000)

1980 Sikea

Sieben österreichische Besatzungen waren unter der Akropolis an den Start gegangen, gesamt waren es mehr als 170. Es war das Jahr, als Mercedes noch an Erfolge im Rallyesport glaubte und über 30 verschiedene Automarken am Start zu sehen waren! Ich hatte mich informiert und extrem auf diese Veranstaltung vorbereitet, denn es war mein erster Einsatz für den „Sport am Montag“ bei einem Rallye-Weltmeisterschaftslauf. Interviews vor dem Start, Kamerateams und gut ein Dutzend Fotografen, Startbilder drehen und dann flugs zum Ziel der ersten Sonderprüfung: Mount Parnis über mehr als 42 km.

Wir laufen einen knappen Kilometer gegen die Prüfung – ich hatte einen schönen Drehpunkt drei Tage vor der Rallye gefunden – vier Fotografen stehen bereits dort, machen aber freundlich Platz für uns. Ich hatte mit allen Österreichern am Strand von Lagonissi Interviews gemacht und meine beiden Kamerateams hatten auch Fahraufnahmen bereits im Kasten. Wir drehen die ersten fünfzehn Profis und warten dann auf die Startnummer 26, Franz Wittmann. Die Fotografen sind schon wieder weg, als Wittmanns Porsche um die Ecke fliegt. Warten auf Georg Fischer mit dem Talbot und Startnummer 32, dann rasen wir zum nächsten Drehpunkt. Stopp der vierten Sonderprüfung Prodromos, Interviews, Wittmann ist ausgefallen erzählt mir Georg Fischer.

Nach acht Prüfungen und mehr als 160 Sonderprüfungskilometern machen alle Service, ich fahre mit meinem Team in die neunte, knapp 43 km lange Prüfung. In einem kleinen Dorf namens Sikea wollen wir alle Spitzenpiloten, aber auch alle verbliebenen Österreicher drehen. Einparken, ausladen, da ertönt eine Stimme in deutschem Ton: „Kollege, fahr doch mit Deiner Karre ein Stück zurück, Du stehst mir im Bild!“ Mein Gott, ein „Piefke“ denke ich, steige in den Leihwagen um so zu tun und verschwinde hinter der Steinmauer einer Taverne. Es war ein idyllisches Plätzchen, vor dem Lokal ein paar Tische und typisch griechische, schmale Stühle, zwei ältere Männer spielten Tavlis, wie Backgammon dort genannt wird. „Danke“ ruft mir der „Piefke“ zu, ich nicke und sehe die Akkreditierung auf seiner Brust: Reinhard Klein!

Im Verlauf der folgenden 26 Jahre trafen wir einander immer wieder, Reinhard ist heute noch mit Helmut Deimel gut befreundet und wo immer ich ihn auf den Rallyestrecken dieser Welt traf wusste ich, hier ist die Action, hier gibt es die tollsten Bilder. Im gleichen Jahr lernte ich einen weiteren Künstler der Photographie kennen: Tamotsu Futamura aus Yokohama, der sich gut zwei Jahrzehnte lang mit Österreichs Edelfeder und Auto-Revue Chefredakteur Herbert Völker herumtrieb. Es war in Indien, bei der ersten Himalayarallye als Herbert Völker mit Leihwagen und Chauffeur unterwegs war und nur mit einem solchen konnte man ein Auto mieten.

Völker und Tamotsu saßen auf der hinteren Bank des Ambassador und bewunderten den fein gebundenen Dastar ihres Fahrers. Der Turban muss zumindest viereinhalb Meter lang und etwa 40 Zentimeter breit sein und wird von den Sikhs täglich frisch gebunden, um das ungeschnittene Haar zu verdecken. Des Fahrers Dastar war von weißer Farbe, sie gilt in Indien als Zeichen der Weisheit – jedoch nicht der Eile! Den ersten geplanten Fotopunkt erreichte Völker mit großer Verspätung und drängte ab sofort zu mehr Tempo. Dieses war dem Sikh jedoch fremd und so kam es zu einer listigen Nötigung.

Herbert Völker täuschte dringende Notdurft vor, der Fahrer hielt am einsamen Straßenrand und wurde von seinen beiden Insassen in die zweite Reihe des Leihautos gedrängt. Herbert übernahm das Steuer, neben ihm nahm Herr Futamura Platz und ab sofort wurde jedes geplante Ziel pünktlich erreicht. Vor einem Hotel in Agra, der Stadt des weltberühmten Taj Mahal, staunte das Personal nicht schlecht und überlegten: wie reich muss der Mann im Heck sein, der sich einen deutschen Fahrer und einen japanischen Kammerdiener leisten konnte ... Tamotsu Futamura ist vor rund zehn Jahren von dieser Welt gegangen.

Im Verlauf der Jahre hatten es Futamura und auch Klein dank ihrer Fotokunst zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Es gab und gibt aber auch Rallyeverrückte, die nicht ganz das Können, aber sehr wohl Begeisterung, Leidenschaft, Liebe zur Rallye, zu Land und Leute hatten und haben. Die glückselig ein paar Fotos, ein paar kurze Berichterstattungen von irgendeiner Rallye auf dieser Welt an Zeitungen verkaufen konnten, um zu überleben. Ich erinnere mich an Werner Schneider, der in den späten 80er-Jahren bei der Safarirallye in freier Natur, am Parkplatz der Salt Lick Lodge in den Taita Hills in einem mickrigen Leihwagen die Nacht verbracht hatte.

Die Fenster nur einen winzigen Spalt geöffnet, denn er suchte Schlaf im Tsavo Nationalpark und das Geld für ein Hotelzimmer musste er sparen. Ich erinnere mich an Helmut Lackinger, leidenschaftlicher Fotograf aus Sankt Pölten, der oft kilometerlange Wege ging, an Gernot Neumayer aus Michldorf, der – gemeinsam mit seiner tollen Frau – zum Marathongeher der heimischen Rallyeszene wurde. An die „ Illmers“, die in jedem Bild, in jeder Aufnahme Liebe und Hingabe für den Rallyesport bewiesen, nun ist auch der Senior leider von uns gegangen.

Neben Veranstaltern, Fernsehberichten und Zeitungsredakteuren sind es Bilder, die alles erst ermöglichen. Die Fotografen, die uns die Rallye näherbringen, die nicht nur unsere Gier nach Rallye, sondern auch die Sponsoren zufriedenstellen. Die bei Wind und Wetter, bei Regen, Schnee und Eis zu Fuß unzählige Kilometer zurücklegen, oft genug für nur wenig Geld, für Dank und Anerkennung. An all diese Rallyenarren habe ich gedacht, als ich Daniel Fessls Bilder der Monte Carlo Rallye zu sehen bekam, seine Liebe fürs Detail, sein Blick für das Wesentliche und dennoch so künstlerisch wertvoll.

Und ich sage euch Freunde des Rallyesports, erlebt mit Genuss den Anblick eines Bildes, nehmt euch die Zeit für den Vorder- und Hintergrund der Szene, den Gedanken und die Sicht der Fotografen. Erkennt die Mühen den Einsatz und das Bestreben, Schönes zu zeigen, unter ihnen sind wahre Künstler. Für mich sind diese Fotografen die tatsächlich liebenswerten Narren der Rallyeszene.

Ich bin ein Star, oder? Ich bin ein Star, oder? 110 – 1973 – 2021 110 – 1973 – 2021

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