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Erinnerungen eines Sportreporters: „Grazie Rudi – gern gscheg’n, Miki!“
Fotos: Rudi Stohl privat, Peter Klein privat

„Grazie Rudi – gern gscheg’n, Miki!“

Dass Rudi Stohl weltweit Freunde hat, ist kein Zufall. Der Wiener ist ob seiner Hilfsbereitschaft und Fairness ein überall gern gesehener Sportsmann, wie auch Miki Biasion und Franz Wittmann wissen. Rückblick ins Jahr 1988.

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Rudi Stohl hat, wie mir scheint, eine unendliche Geschichte. Und wenn ich in den bisherigen 41 Erzählungen auf Motorline.cc blättere kommt mir vor, ich hätte ihm nicht genügend Platz eingeräumt. Ich habe über ihn zuletzt von der legendären 1. Rallye Hongkong-Peking geschrieben, danach war „Sir Waldegaard“ an der Reihe, hinterher hatte Ilka Minor das Kommando in meinen Erinnerungen übernommen. Natürlich war mir klar, dass es eine Stohl-Fortsetzung geben muss, schließlich war der gute Mann bei mehr als 120 Rallyes am Start, davon zählten 64 zur Rallye-Weltmeisterschaft.

Wie zum Beispiel auch Anfang August 1988 die Argentinienrallye als gleich drei österreichische Besatzungen im argentinischen Winter an den Start gingen. Der grandiose Andi Boruta hatte einen Lancia Delta Integrale für Franz Wittmann bestens vorbereitet, die MIG Linz schickte Georg Fischer mit einem Audi 200 uns Rennen und Rudi Stohl brachte – erstmals in der WM – einen nagelneuen Audi Quattro 90 an den Start in Buenos Aires. Wir saßen in einer Parrilla nahe der größten Einkaufstraße dieser damals 12 Millionen Einwohner großen Stadt und selbstverständlich gab es „Bife de Chorizo“, das argentinische Rumpsteak und dazu „Vino Tinto de la Casa“ – also roten Hauswein – und Wittmann hatte seine geliebte Cola.

Franz hatte nach seinem Sieg im Jahr zuvor in Neuseeland die Startnummer Eins bekommen, vor dem Argentinier Jorge Recalde und Miki Biasion, ebenfalls Lancia Delta Integrale. Rudi hatte die Startnummer Vier bei seinem dritten Antreten in Argentinien vor Georg Fischer. Knapp 600 Sonderprüfungskilometer waren bis Cordoba zu bewältigen und fast hätte es schon in der ersten Sonderprüfung den Topfavoriten erwischt, Miki Bisasion. Der Werkspilot von Lancia war mit vier Siegen als Führender in der Fahrer-WM nach Argentinien gekommen mit dem Ziel, erneut zu gewinnen und in diesem Jahr auch Weltmeister zu werden. Und dann kam die erste Sonderprüfung vor knapp 30.000 Zusehern im Hipodromo, der Pferderennbahn am Stadtrand von Buenos Aires.

Wittmann hatte ungewohnt stark begonnen, einen Sprung über eine künstlich angelegte Kuppe samt Wasserdurchfahrt bereiste er zügig und der nachfolgende Jorge Recalde war, trotz beglückt jubelnden Fans, zwei Sekunden langsamer. Dann Miki Biasion als Dritter, gewaltiger Sprung über die Kuppe, Eintauchen in die Wasserdurchfahrt, ein rauchender Lancia rollte langsam mit schwer überhitztem Motor an der Zieltafel vorbei und blieb gut 280 Meter vor dem Stop stehen. Co-Pilot Siviero, keineswegs ein Hüne von Gestalt, kletterte aus dem Auto und versuchte zu schieben, auf dem tiefen Geläuf einer Pferderennbahn ohne großen Erfolg. Gestikulieren mit Biasion, Miki schnallte sich ab, raus aus dem Lancia, zu zweit schieben sie das Auto, finden im tiefen Sand kaum Halt und kommen in etwa 30 Sekunden keine fünf Meter weit, als Rudi Stohl ins Ziel der SP eilte.

Rund 100 PS weniger im Audi 90 ließen einen so tollen Sprung über die Kuppe nicht zu. Rudi passierte die Wasserdurchfahrt und die Zieltafel, ein kurzes Bremsen hinter dem Werkslancia, Biasion erkannte Rudis Vorhaben und sprang in sein Auto. Und dann schob der neue Audi 90 Quattro den Lancia knapp 300 Meter weit durch die ZK. Siviero hängt hechelnd und strampelnd schweißüberströmt am Türrahmen und bekommt bei der Stopptafel die 5. Zeit eingetragen. Stohl erklärte den herbeieilenden Funktionären: „I hob kan Plotz ghobt, i hob eam ausseschiabn miassn“, oder wie es im argentinischen Rennenglisch verständlicher war: „Ei mast pusch him, no plece!“ Diese Erklärung wurde akzeptiert und nach dem Parc Ferme erwartete Bisasion mit ausgestreckter Hand seinen Retter: „Grazie Rudi – gern gscheg‘n Miki“ und dass der Österreicher in Zukunft bei Lancia einen Stein im Brett hatte, verstand sich von selbst.

Nach 20. Sonderprüfungen führte Biasion knapp mit 12 Sekunden vor Recalde, Wittmann deutlich zurück Dritter. Stohl hatte sich auf der 2. Sonderprüfung überschlagen, mehr als acht Minuten dauerte es, ehe der Audi wieder auf vier Rädern stand und langsam weiterfahren konnte. Zwei Prüfungen später tat Fischer das Gleiche, musste aber aufgeben. Stohls Aufholjagd währte zwei Tage, doch dann war er Vierter mit reichlich Vorsprung auf den Fünftplatzierten Jose Celsi im Subaru. Auf dem Rundkurs „Coscin“ hatte Biasion Elektroprobleme, der Lancia stotterte sich ins Ziel, Biasion verlor rund 15 Sekunden, beim Service mehr als drei Minuten und musste die Führung an Recalde abgeben.

Auf der 22. Sonderprüfung kannte der argentinische Fanatismus keine Grenzen, man wollte einen Sieg Recaldes und legte nach einer schnellen Links 3-4 im Abstand von einem halben Meter sechs Felsbrocken auf die Fahrbahn. Doch es kam nicht Biasion, der hatte ja Elektroprobleme und stand länger beim Service! Es kam der Lancia von Wittmann als zweites Auto und der gute Franz hatte keine Chance: Die Vorderfront ein Totalschaden, ein Rad abgerissen, Auspuffanlage, Krümmer, der Lancia war praktisch zum Wegwerfen als das Duo Wittmann/Pattermann aus der Sonderprüfung rollte. Dann kam Stohl, sah das Unheil noch rechtzeitig und räumte mit Co-Pilot Ernst Rohringer zwei gut 60 Kilo schwere Felsbrocken zur Seite. Knapp danach fegte schon Biasion heran und im dichten Staub kam er unbeschadet aus der letzten Sonderprüfung des Tages.

Die Autos mussten sofort in den Parc Ferme und irgendwie gelang es Chefmechaniker Boruta und seinem Team ein Rad an Wittmanns Lancia zu hängen, das Generalservice sollte in den frühen Morgenstunden vor dem Stadion von Cordoba über die Bühne gehen. Abendessen mit Wittmann und Co im Restaurant „La Mama“ in der Avenido Figueroa – Stohl war mit seiner Mannschaft bei Freunden eingeladen. Und Stohl hat sichtlich überall Freunde, weltweit. Franz besprach sich mit Andi Boruta und den Mechanikern über die Schäden am Lancia und Andi kam zu dem Schluss: „Des kaun si nie ausgeh, mia schauffn ned die Ausschlusstoleranz!“

Wittmann fluchte, Pattermann beruhigte, Boruta kalkulierte die Arbeitszeit noch einmal besprach sich mit seinen Mechanikern, schwor sie auf das morgige Service ein und sprach zum Meister aus dem Adamstal: „Fraunz, vielleicht schoff mas do, oba dann wiast Fünfter, ode Vierta, oba mea scho nimma!“ Und der Franz schöpfte wieder Hoffnung und meinte, „jetzt ess ma wos Gscheits, gengan boid schlofn und morgn pock mas.“ Und mit Staunen hörte ich Wittmanns Bestellung: „de best Bief of de haus and redwein for oll!“ Franz orderte für sich keine Cola und es war das erste Mal, dass der Franz während einer Rallye Alkohol trank, zwar nur 1/16 Rotwein, aber zum besten „Bife de Lomo“ der Welt.

Am 6. August 1988 hing dichter Nebel über dem Stadion von Cordoba, die Scheinwerfer gaben ein spärliches Licht als Wittmann aus dem Parc Ferme zum 400 Meter entfernten Serviceplatz fuhr. Die Mechaniker stürzten auf den waidwunden Lancia wie Aasgeier auf verwichenes Wild, Wagenheber vorn und hinten, das Auto wird aufgebockt, die Räder abgenommen, als Stohl zu seinem Service kommt, welches neben Wittmann aufgebaut war. Und Rudi parkt seinen Audi mit eingeschalteten Scheinwerfern rund sechs Meter vor dem Lancia, stieg aus und meint lapidar: „ana kontrolliert Öl und Wossa, di aundern höfn mit beim Fraunz!“ Mein Kameramann sagt leise zu Stohl: „Du könntest jetzt doch Dritter werden“, und wird prompt beschämt: „so wü i ned dritta wern ...“

Es ist Hektik pur rund um den Lancia mit Startnummer 1, aber jeder Griff sitzt. Eine neue Vorderachse wird eingebaut, Dämpfer, Auspuffanlage komplett, Unterbodenschutz, neue Bremsleitung, es ist unfassbar wie eines ins andere greift. Werksmechaniker von Lancia wollen zu Hilfe eilen, bleiben dann aber fassungslos staunend zurück. Sieben österreichische Topmechaniker bauten innerhalb von knapp fünfzig Minuten aus einem Totalschaden ein konkurrenzfähiges Auto. Im letzten Moment kam Wittmann ohne Strafzeit zur Zeitkontrolle und dann 18 km zum Start der 23. Sonderprüfung Jose de la Quintana – noch 136 Sonderprüfungskilometer bis ins Ziel zurück nach Cordoba – und der Lancia hielt! Argentinien bekam den heimischen Sieger Jorge Recalde, Biasion wurde Zweiter und fixierte, bis auf einen Punkt, praktisch vorzeitig den Weltmeistertitel („Grazie Rudi“) . Franz Wittmann feierte im Stadion von Cordoba doch noch einen dritten Gesamtrang und war für ein weiteres Jahr FIA A-Fahrer.

Als Rudi Stohl als Vierter über die Rampe rollte, applaudierten ihm nicht nur 30.000 Rallyefans, sondern auch Biasion/Siviero und das Duo Wittman/Pattermann. Und Rudi lächelt verschmitzt: „is des ned scheee, vier Österreicher unta de easchtn Vire …“ Diese Geschichte hat Franz Wittmann zuletzt beim Golfturnier der Rallyelegenden 2020 in Schladming erzählt – und ich musste sie einfach hier, auf Motorline.cc niederschreiben!

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