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Erinnerungen eines Sportreporters: Stohl, der Mann für´s Grobe
Fotos: Peter Klein privat

Stohl, der Mann für´s Grobe

Nein, junge Freunde des gepflegten Rallyesports, nicht von Manfred sondern von dessen Vater soll vorerst mal die Rede sein...

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Es ist die Generation 50+ denen Rudolf Stohl heute noch ein Begriff ist. Über ihn und all seine Erlebnisse, manche sind bis zum heutigen Tag nur wenigen bekannt, will ich hier erzählen.

Es war ein nebeliger Tag am Grenzübergang Mikloshalma - zu Deutsch Nickelsdorf. Der Grenzschranken stand waagrecht und in der Mitte eine rot blinkende Lampe.

Dieses Blinken im Nebel war auch die erste Einstellung des Beitrages, den ich damals produzierte - der Grenzübergang der Rallye Wien-München-Budapest. Da tauchte plötzlich ein Kerl auf, den ich davor schon irgendwo gesehen hatte. Rudi Stohl betätigte sich damals nicht nur als Fahrer oder Co-Pilot, er war auch öfter mal als Mechaniker im Einsatz, so wie an jenem Tag.

Wir waren gerade um die 30 Jahre alt, dünn um die Mitte und mit üppiger Mähne- heute ist es umgekehrt, mehr oder weniger. Ich sagte Rudi, dass ich noch nicht all zu viel vom heimischen Rallyesport wusste und bekam bereitwillig üppiges Insiderwissen..

„Warum Lada?“

Er erzählte unter anderem, dass auch er schon mal diese Rallye gefahren sei, mit einem Moskvich, aber nicht ins Ziel gekommen war. Nun wäre eine Lada 1300 sein Rallyeauto und ich dachte nur: „Warum?“

Irgendwann Mitte des Jahres 1978 realisierte ich, dass besagter Stohl einen WM-Lauf in Griechenland bestritten hatte. Wieder mit einer Lada, diesmal mit 1600ccm und ich lächelte mild. Aber weil ich schon damals gelernt hatte, nicht voreingenommen zu sein und weil mir nicht nur der Name Akropolisrallye, sondern auch Stohl geläufig war, begann ich zu recherchieren. Aha, 132 Autos am Start aber 95 kamen nicht ins Ziel! Stohl also unter 37 gewerteten Teilnehmern an 18. Stelle und das mit einer Lada 1600. Das nötigte mir doch einigen Respekt ab.

Im Jahr darauf traf ich ihn wieder. Erneut mit seiner alten Lada und neuem Co-Pilot - Kurt Mödlhammer. Mein erster Gedanke war: Pat und Patachon - nur umgekehrt. Rudi der lange Dünne und Kurt , aus dem Burgenland, der kleine Dicke - 1,65 hoch und 115 Kilo schwer . Aber unterschätzt mir die kleinen Dicken nicht - ganz besonders, wenn sie aus dem schönen Burgenland stammen.

Herr Mödlhammer war zum genannten Zeitpunkt, wie auch Rudolf Stohl bei ÖAF Gräf & Stift angestellt, damals auch Generalimporteur für Taiga und Lada-PKW. Rudi als KFZ-Meister und Werkstattleiter, Kurt als leitender Angestellter mit dreifacher Prokura - Hut ab!

Und die Beiden fuhren eine ARBÖ-Rallye zum Zungenschnalzen. Wie der „Herr Stohl“  seine Lada bergab bewegte, machte atemlos und ließ mich jubeln. Schnell wurde ich aber von anderen Fans belehrt: „Abwarten, da Stohl legt si gern weg!“

Das tat er dann später tatsächlich in Form einer einfachen, seitlichen Rolle. Die zahlreichen Zuschauer stellten die Lada bald wieder auf die Räder - allerdings waren nur noch drei vorhanden. Dem Rudi war das aber herzlich egal - es ging bis ins Ziel ohnehin nur noch bergab . Am Serviceplatz fragte ich dann: „Warum fährst Du gerade bergab immer wie die Sau?“ Und Stohl meinte grimmig: „Weu i nua 100 PS in da Kistn hob und jeda Dodl mid 130 PS foat ma beagauf um de Uan.“

Ich nickte verständnisvoll und erwiderte nicht gerade unlogisch: „Du solltest dann vielleicht andere Rallyes fahren, wo es auf Ausdauer, Improvisationskunst und tolle Mechaniker ankommt, die immer zur Stelle sind, wenn man sie braucht.“ Ich weiß heute noch nicht, was sich Stohl in diesem Moment über mich und gute Tipps dachte, denn Rudolf war damals schon ein höflicher Mensch - aber sein Blick schien keineswegs wohlmeinend verständnisvoll.
 
Das Jahr verging, meine Rallyeberichte fanden Gefallen und als ich vernahm, dass gleich sechs österreichische Teilnehmer bei der „Rally Acropolis 1980“ an den Start gingen, wollte ich endlich auch mal von einem Weltmeisterschaftslauf berichten. Sigi Bergmann, damals leitender Redakteur der Sendung „Sport am Montag“ gab seinen Sanctus, und so begab ich mich mit zwei Kamerateams nach Athen.

Armada aus Österreich

Die Nennliste machte mich ergriffen: Nicht weniger als neun Werkteams am Start! Von Mercedes bis Wartburg, Lancia bis Trabant, Fiat, Opel, Ford, Toyota und Datsun, satte 143 Autos und 26 Vollprofis.

Aus Österreich war eine stolze Armada angereist: Wittmann, Fischer, Bittner Heisler, Stohl und Brandstätter. Mit Ausnahme Wittmanns samt Servicecrew waren wir alle in einem billigen Hotel namens „Perla“ in Glyfada untergebracht. Dieses lag genau in der Einflugschneise zum Athener Flughafen - damit war eine erholsame  Nachtruhe nur mit einigen Getränken wie Metaxa/Cola gewährleistet. Als ich damals erstmals vor dem Hotel parkte wähnte ich mich in der Großen Sperlgasse im zweiten Wiener Gemeindebezirk.  Fast ausschließlich Autos mit österreichischem Kennzeichen, vorrangig aus Wien  waren zu sehen, Rallye- und Trainigsautos, Anhänger und Servicebusse - darunter auch zwei Lada-Kombis aus dem Hause Stohl. Immer wieder ein Gesicht, welches ich schon irgendwo bei einer Rallye in Österreich gesehen hatte, man begrüßte einander wie einen lange vermissten Freund und tatsächlich wurden wir schnell solche.

Es wurde gehämmert, geschraubt und gebohrt, Öl kontrolliert, Benzin nachgefüllt, die Straße vor dem Hotel Perla war fest in österreichischer Hand. Und auch musiktechnisch wurde einiges geboten wie zum Beispiel aus Fischers Trainingsauto Mike Krüger mit dem wertvollen Tipp, dass man den Nippel nur durch die Lasche ziehen müsste.

Bittners Mechaniker hielten es lieber mit Santa Maria und Sänger Roland Kaiser, während die Servicecrew von Rudi Stohl über 7 Brücken gehen mussten. Und am Abend vor dem Start ging man geschlossen in die „Fleischstraße“, wo sich ein Restaurant ans andere fügte. Nach Tsatsiki, Feta oder griechischen Salat, nach Saganaki, Moussakka oder Stifado und dazu jeder Menge Bier oder Retsina gab es nur eine Rechnung! Dividiert durch die Teilnehmer des Abendmahls- fertig! Und keiner fragte, was der Andere gegessen oder getrunken hätte, es saßen einfach Freunde an der langen Tafel...
 
Vor dem Start unter der Akropolis dachte ich noch: „Von tollen österreichischen Erfolgen wirst  du wohl nicht berichten lieber Klein.“ Ich hatte wie folgt recherchiert: nicht weniger als 56 Sonderprüfungen und gut 950 Sonderprüfungskilometer auf brutalen Schotterstraßen. Durchschnittliche Ausfallsquote in Griechenland rund 70 Prozent - wer von den Österreichern kommt da ins Ziel?

Nach 100 Kilometern, nach erst vier Sonderprüfungen fehlten bereits nicht nur Waldegard, Darniche, Mikkola und Therier - auch Georg Fischer, Franz Wittmann und Rudi Brandstätter sahen nicht mehr das Ziel der Sonderprüfung Prodromos. Gott sei Danke hatte ich schon zuvor mit allen österreichischen Teams in den Hügeln rund um Lagonissi  Aufnahmen gemacht, sonst hätte ich weder Fischer, noch Wittmann mehr als nur einmal in der Sendung herzeigen können. Nach weiteren fünf Sonderprüfungen und nun schon knapp 200 Kilometern auf übelstem Gestein fehlten bereits 67 Teilnehmer, darunter Shekhar Mehta und mit John Peter Bittner ein weiterer Österreicher.

Für mich war dieser erste Tag vollkommenes Neuland in meinem Leben. Ich eilte mit einem Toyota Starlet durch das Land, geschmückt mit ORF-TV Kleber in der Windschutzscheibe und „Press“-Schild auf der Motorhaube. Dermaßen ausgestattet hatten nicht nur wir Narrenfreiheit auf Griechenlands Straßen. Die Begeisterung für den Rallyesport war vor 40 Jahren in den Ländern Portugal, Griechenland, Spanien oder Italien nicht zu überbieten.

Zu den Sonderprüfungen kamen im Verlauf der Rallyetage mehr als eine Million Menschen - viele suchten extreme Nähe zum Gefährt - schon damals dachte ich oft: „Wir alle müssen verrückt sein...“

Nach dem Dreh in einer Sonderprüfung gab es drei Berufskategorien, die ähnlich den Rallyeteilnehmern in „angemessener Eile“ zum nächsten Drehpunkt oder Service durchs Land rasten: diverse Kamerateams, Fotografen und Servicecrews.

Die Gesamtlänge der Akropolisrallye betrug damals rund 3.000 Kilometer – es war also einiges auf der Etappe zurückzulegen. Und immer war die Polizei „dein Freund und Helfer“ tatsächlich ein solcher. Mit dem TV-Photo- oder Serviceaufkleber in der Windschutzscheibe hatte man absolute Narrenfreiheit, Kreuzungen wurden für uns gesperrt, es gab  Pfeifkonzerte der Polizisten um andere Verkehrsteilnehmer auf uns aufmerksam zu machen und wenn man dann noch  im Drift den Dorfplatz bereiste,-war selbst der älteste Grieche im Taumel der Rallyelust!
 
Auch am Ende des zweiten Tages hielten sich die beiden verbliebenen österreichischen Teams ganz hervorragend - wobei jedes ein anderes Konzept hatte. Heisler fuhr beständig, nicht an der Schmerzgrenze  und profitierte auch von seinem „Etappenschrieb“ - Stohl schneller und viel aggressiver - seine Mechaniker hatten am Serviceplatz aber auch mehr zu tun! Meine beiden Kamerateams hielten sich wacker, mein Drehplan wurde auf Punkt und Beistrich eingehalten.

Nach der Nacht rund um Kalambaka machte sich aber langsam Müdigkeit bemerkbar. Doch nach nur fünf Stunden Schlaf mussten wir raus zum Start der 21. Sonderprüfung Meteora – im Hintergrund die spektakulären Klöster. Vatanen vor Salonen und Alen, alle drei Finnen gedreht, auch noch Andersson, Kuläng, Röhrl nur an siebter Stelle. Dann warten auf Stohl und Heisler - und schließlich ging die Jagd weiter Richtung Athen.

“Weit genug entfernt, um einander zu wieder zu helfen“

Dann flattert plötzlich irgendwo am Straßenrand eine rotweißrote Fahne im Wind, unmittelbar danach ein riesiges LADA-Transparent und mir war klar: die Servicemänner der verbliebenen Österreicher hatten sich zusammengeschlossen - „gemeinsam sind wir stark und helfen einander“. Das gefiel mir und ich kam endlich auch mit Mechanikern und sonstigen Begleitern ins Gespräch.

So erfuhr ich, dass zum Beispiel Rudi Stohl wieder einmal kaum trainiert hatte („ka Zeit fia sowos“) aber auch, dass Fritz Heisler sogar auf der Etappe nach Aufschrieb fuhr - er hatte also sichtlich viel Zeit in die Vorbereitungen investieren können. Und der schönste Satz fiel dann beim Interview mit Frau Heisler: „Wir sind jetzt schon weit genug weg von Österreich, sodass wir uns wieder gegenseitig helfen.“
 
Am letzten Tag der 27. Akropolisrallye sind die Positionen an der Spitze bezogen: Vatanen im Ford Escort hat sich von Timo Salonen im Datsun abgesetzt und Markku Alen hatte nach vorne rund vier Minuten Rückstand und auf den Vierten Kuläng im Opel Ascona 400  fast vier Minuten Vorsprung. Nur noch 46 Rallyeautos im Bewerb, Stohl an 26. Stelle – Heisler 31. und es war nur noch Hoffen und Bangen. Die Ersatzteile gingen zur Neige, der Reifenverschleiß war enorm und die Mechaniker der Privatfahrer am Rande der Erschöpfung angelangt. 

Rund eintausend Kilometer jeden Tag, bei sengender Hitze und wenig Schlaf, schon mehr als 50 Sonderprüfungen haben die Teilnehmer nach Sparta hinter sich gebracht. Ich habe ein Kamerateam im Ziel der 56. und letzen Sonderprüfung Karnezeika disponiert, wir haben knapp 1800 Meter Filmmaterial verbraucht, damals noch auf 16 mm gedreht. Malevi ist die vorletzte Prüfung und ich stehe mit meinem Team beim Stopp. Wir drehen die Gesichter der Piloten , wollen dem Zuseher zu Hause zeigen, wie sehr die Teilnehmer dieser Rallye gefordert sind.

Vatanen verschwitzt, aber nach wie vor sehr agil, der etwas mollige Salonen schwer gezeichnet und am Ende seiner Kräfte, Alen hochrot mit tiefliegenden Augen flucht über die Strecke. „So big stone“, keppelt er und zeigt einen Durchmesser von einem halben Meter. Vermutlich fischte er auch gerne in den finnischen Seen. Anders Kuläng aus Schweden stöhnte und krächzte nach Wasser..

Und dann Walter Röhrl. Verblüffend frisch aber doch angespannt meint er: „Jetzt hamma eana ane aufbrennt.“ Tatsächlich hatte „der Lange“ am letzten Tag zwei Plätze gut gemacht. Dann warten - auf Stohl und Heisler und dann schnell nach Athen zur Siegerehrung - soweit mein Drehplan. Im Panathinaiko-Stadion, wo 1896 die ersten olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden, hatten schon tausende Zuschauer Platz genommen.

Warten auf Stohl und Heisler

Das Warten wurde zum endlosen Geduldspiel -  der 20. beim Stopp, dann wieder einer ausgefallen, der 25. - jetzt sollte gleich Stohl kommen, doch es war nur noch ein Österreicher im Bewerb. Fritz Heisler kam mit seinem Co-Piloten Walter Blieberger pünktlich und erzählt von Stohls Ausfall in der vorletzten Sonderprüfung – Querlenker gebrochen und nichts ging mehr.

Im Stadion tobten etwa 15.000 Rallyefans bei der Siegerehrung – es gab tatsächlich einen dreifachen finnischen Erfolg: Vatanen vor Salonen und Alen – Ford vor Datsun und Fiat. Dann Kuläng und Röhrl tatsächlich noch Fünfter geworden. Dann langes Warten, die Sonne neigte sich dem Meer entgegen als der Escort RS mit Fritz Heisler und Co-Pilot Walter Blieberger zu sehen war. Eine Fangemeinde aus Niederösterreich hatte  sich eingefunden und ein paar besonders verwegene Fans standen direkt an der Rampe.

„Es lebe Weißenbach“, schrie einer und schüttelte die mitgebrachte Sektflasche, doch er musste noch drei Minuten warten und als Fritz Heisler auf die Rampe fuhr, tat dies auch der brave Kork aus der Flasche. Der Sekt sprühte über Auto und winkende Hände, Fahrer und Beifahrer entstiegen selig, der  Co-Pilot enterte das Dach – doch der Schuh fand auf der glitschigen Motorhaube keinen Halt. Walter Blieberger strampelte hilflos haltsuchend vom Dach über die Motorhaube am Hintern zu Boden. So gesehen war der Titel des Beitrags im „Sport am Montag“ voll berechtigt: „Einer kam durch“.

Erst rund um 23 Uhr trafen sich etwa 25 tapfere Mannen wieder in der „Fleischstraße“ zum letzten gemeinsamen Abendessen in Glyfada. Neben mir Rudi Stohl, der trotz Ausfall hochzufrieden war: „De Lada hätt guad ghoidn, dea Sta woa a Pech“. Etwas später neigte er sich zu mir und sprach: „Da Mehta hot ma an Tipp gebn. Wos hoitst davo, waun ma Ende Oktoba die Himalayarallye foan ?“

Wie bitte komme ich nach Bombay? Wie bitte komme ich nach Bombay? Nach dem Triumpf - Ausschluss und Tod Nach dem Triumpf - Ausschluss und Tod

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