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Erinnerungen eines Sportreporters: Rallye statt Motocross für Manfred Stohl
Fotos: Peter Klein privat, Heinz Kinigadner privat

Die Wurzel allen Übels

Eigentlich war Manfred Stohl auf dem Weg zu einer Motocross-Karriere, ein Unfall beendete das Vorhaben. Peter Klein blickt zurück auf die ersten Rallye-Gehversuche und die erste WM-Rallye von Manfred.

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Schweren Herzens hatte sich Manfred Stohl 1990 entschieden, vom Lenker auf das Lenkrad zu wechseln. Dort, wo der Vater im abgelaufenen Jahrzehnt Furore gemacht hatte, dort wollte er eigentlich nie hin. Zu groß war die Liebe zum Zweirad, den Sattel zwischen den Schenkeln fühlen, am Gasgriff drehen, über Hügel fliegen, den direkten Konkurrenten überholen. „Dea Kloane isch a wülder Hund“, bestätigte mir Heinz Kinigadner bei Dreharbeiten auf Ibiza. Ich bin mit einem Kamerateam nach Spanien geflogen um ein Portrait über den zweifachen Weltmeister zu drehen, quasi als Vorschau auf die bevorstehende Nevadarallye, bei der mehr als 200 Motocrosser in Las Vegas an den Start gehen sollten.

Heinz hatte einen Trainingspartner nach Ibiza geholt, Hans Danzinger, seines Zeichens sechsfacher Enduro-Staatsmeister und Vater von Hannes Danzinger, der rund 10 Jahre später als 17jähriger sein Rallyedebüt in Österreich geben sollte. Heinz und Hans fegten für die ORF-Kamera über die Dünen, zeigten die tollsten Sprünge und mein Kameramann drehte jauchzend in Superzeitlupe. In einer Pause plauderten wir erneut über Manfred und Kinigadner meinte plötzlich: „Schod um den Buam, dea hätt wos wern kennen, oba jezd, mid dem Bruch!“

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Stohl junior ein paar Monate zuvor gestürzt war und sich einen komplizierten Bruch des „Os scaphoideum“ der Handwurzel – besser bekannt unter Kahnbein – zugezogen hatte. Wir fuhren am späten Nachmittag noch einmal hinaus zu den Dünen von Ibiza um Stimmungsbilder zu drehen. Über die Nevadarallye mit Heinz Kinigadner werde ich meinen Lesern auf motorline.cc zu einem späteren Zeitpunkt noch erzählen, die Bilder von Heinz und Hans in den pinienbedeckten Hügeln im Sonnenuntergang über Ibiza blieben mir in guter Erinnerung.

Einige Tage später hatte ich wieder einmal Rudi Stohl am Telefon und er bestätigte den komplizierten Bruch, der jedoch längst operiert war. „Des woa eh scho vua an hoibn Joa“, sprach Rudolf und auch: „jedzd is nix mea mid Motocross, zwa Joa Pause! Oba midn Audi guarkt ea scho umadum.“ Ich war elektrisiert und dachte laut „vielleicht gefällt ihm das Rallyefahren ja doch?“ Dann fuhren Stohl/Stohl Mitte August den Harrach-Sprint, ich erfuhr eher zufällig davon und keppelte mit Rudi: “Wieso erzählst Du mir nix davon?“, wollte ich wissen. „Woa nua Probe, amoi i und amoi da Fredi“, war die launige Antwort. „Und? Wer war schneller?“, wollte ich wissen. „No do hobm mi a poa scho gfrogt, ob i jezda zrucktritt“, antwortete Rudi mit unverhohlen väterlichen Stolz und kramte nach den Sonderprüfungszeiten.

Tatsächlich war Manfred jede SP schneller gefahren als der Herr Papa und ich jubelte innerlich. Der erfahrene Pressemann der OMV hatte sichtlich eine gute Nase gehabt, beide Stohls ab 1992 an den Konzern zu binden und ich hatte weitere tolle Geschichten zu erwarten. Rudi hatte 1991 bis dahin nur wenig Tolles zu bieten: Ausfall bei der Safari und in Argentinien, 13. in Polen und 5. bei der EXPO-Rallye, Rudi brauchte dringend eine Bestätigung für den Prioritätsfahrer 1992, also zumindest einen 3. Rang bei einem Weltmeisterschaftslauf und nur noch die „Bandama“ stand auf dem Programm.

„Du hast doch ohnedies dein Trainingsauto in Abidjan, lass doch den Manfred damit die Rallye fahren“, war mein Vorschlag. Doch daran hatte der schlaue Rudi auch schon gedacht und kam zu folgender Überlegung: „I kriag sicha a vuadare Startnumma, da Manfred foat oiso hinta mia, kriagt den Kay eine, des is a supa Mechanika und kennt si a midn ansogn aus. Und waun i a Problem hab, kennan mia olle zwa höffn.“ Mir gefiel dieser Gedanke besonders gut, denn ich schätzte den „Piefke aus Hamburg“, ich mochte sein unverschämtes Grinsen und er passte vor allem zu Manfred.

2 x Stohl in Abidjan

Ich glaube, es war zum ersten Mal in der Geschichte der Rallye-Weltmeisterschaft, dass Vater und Sohn an den Start gingen. Rudi mit Reinhard Kaufmann und der Startnummer zwei am Audi 90 Quattro – Manfred bekam die Startnummer 16, startete in Abidjan jedoch als zehnter Teilnehmer, also 24 Minuten hinter seinem Vater. Und Manfred trödelte nicht, er überholte am ersten Tag vier Autos und kam nach knapp 600 Kilometern bereits als 6. nach Yamoussoukro. „Vü zschnö“, meinte Vater Stohl und „jezd miass man a bissl eibremsn“ und Rudi wusste genau, was zu tun war. Andererseits wollte er sich aber nicht zu sehr einmischen, auch funktionierte sein Audi völlig problemlos, Rang drei hinter den Mitsubishi-Werkspiloten Shinozuka und dem Franzosen Patrick Tauziac schien realistisch.

Und es kam, wie es kommen musste. Am Abend des zweiten Tages standen wir bei der letzten Zeitkontrolle, Rudi mit klarem Vorsprung bereits als Dritter gab ein launiges Interview und wir warteten auf Manfred. Vor ihm noch mit Patrice Servant ein weiterer, einheimischer Franzose in einem Audi und danach das lange Warten. Fünf Minuten, zehn, dann schon zwanzig Minuten. Nach mehr als einer halben Stunde ein weiterer Franzose, Adolphe Choteau im Toyota schrie uns zu: „Stohl stuck in the ditch, but he is ok!“

Mein Team und ich sprangen in den Jeep und fuhren los. Es war dunkel und ich würde jeden Entgegenkommenden bald sehen und natürlich auch umgekehrt. Nach etwa acht Kilometern standen Manfred und sein Co-Pilot Kay Gerlach auf der Straße, der Audi steckte gut 30 Meter tiefer im Gebüsch, das linke Hinterrad hing lieblos an der Karosserie. Manfred stammelte zerknirscht von einer im Weg stehenden Kuh – und ich wollte ihm glauben. Rudi Stohl schaffte sein Vorhaben und kam am 31. Oktober 1981 auf Rang Drei ins Ziel nach Abidjan. Als Prioritätsfahrer und mit dem neuen Sponsor OMV blickte er und auch sein Sohn in eine hoffnungsvolle Zukunft. Seinen ersten WM-Lauf, seine Erfahrungen an der Elfenbeinküste und seinen Abflug wird Manfred aber wohl nie vergessen ...

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