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Erinnerungen eines Sportreporters: Ohne Leiden bildet sich kein Charakter …
Fotos: Tina-Maria Monego privat, Daniel Fessl, Harald Illmer

Ohne Leiden bildet sich kein Charakter …

Peter Klein blickt in seiner letzten Kolumne des Jahres 2021 weiter auf die Karriere von Tina Maria Monega zurück und wirft einen Blick auf ihren bemerkenswerten Einsatz im humanitären Bereich bei "Ärzte ohne Grenzen."

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

… hat der gute Freiherr von Feuchtersleben schon vor rund 200 Jahren niedergeschrieben und ich finde, dieses Zitat trifft auf Tina Maria Monego besonders zu. Zwischen ihr und Ilka Minor war eine Freundschaft entstanden. Erst traf man sich bei Rallyes, tauschte Erfahrungen aus, fand Parallelen und Gemeinsamkeiten. Tina war noch immer bei der Bergrettung tätig, vorrangig zur Winterzeit wenn es galt, verletzte Skifahrer zu Tal zu bringen – und Ilka war mit der Zeit zum Fitnessfan geworden. Bis es schließlich zur ersten gemeinsamen Bergtour kam und die Freundschaft sich noch vertiefte. Über die gemeinsamen Gespräche gibt es natürlich keine Auskunft, aber es wurde dort oben am Berg sicher nicht nur über Rallyes, Piloten und „die Männer“ im Allgemeinen geplaudert.

Ilka war natürlich auch Vorbild mit damals schon weit über 100 Rallyes und reichlich WM-Erfahrung und sie war es auch, die später Tina den Weg zu Manfred Stohl ebnete. Tina sprang ein, wenn Ilka beruflich nicht konnte, wenn es um den Test von Rallyeautos oder „Schotter- und Eisspione“ ging. Aber zurück zum damals aktuellen Fahrer, zu Kris Rosenberger. „Am Anfang gab es zwar noch nicht überragende Ergebnisse“, erzählt Tina, aber jede Menge Spaß! „Kris war nicht der ehrgeizige „Trainierer“, war nicht so zielstrebig wie zuvor Franz Wittmann junior. Kris genügten zwei bis drei Besichtigungsfahrten, er wollte Spaß am Tun haben und das war ja auch mein Ding!“ Ich blättere in meinen Unterlagen und finde immerhin einen 3. Gesamtrang 2006 und jede Menge Topplatzierungen in den folgenden Jahren. „ Stimmt“, antwortet Tina, „dem Kris ging alles eher leicht von der Hand. Nur wenn man selbst Hand anlegen musste, da war er eher aufmerksamer Zuseher“, lacht Frau Monego und legt folgende Fotos vor:

Auch ich muss schmunzeln als ich Tina am Vorderrad werken und Kris als „stillen Beobachter“ sehe. Kris, dieser Lebemann und Frauenfreund, Vollathlet und Genussmensch, risikobereit und privat eher zurückhaltend. Für ihn war Tina über mehr als acht Jahre sicher eine Top-Co-Pilotin und guter Kumpel. Sein Frauenbild war und ist aber ein anderes. Die beiden feierten viele Erfolge und ließen auch bei Ausfällen den Kopf nie hängen. Herausragende Ergebnisse waren etwa Rang Drei 2008 im Waldviertel hinter Stohl und Wittmann in ihren allradgetriebenen Mitsubishis, der Meistertitel bei den Historischen mit dem Porsche und die Rallyes in der Ukraine, in San Remo oder die Alpi Otientali.

„Ich bin ja schon in vielen Autos gesessen“, erzählt Tina, „aber das Schönste waren zweifellos die Fahrten im Porsche, einfach geil! Die Vorbereitungen waren zwar immer intensiv, damals musste man sich als Co-Pilotin nicht nur um den Aufschrieb und Serviceplan kümmern, aber man lernte auch Land und Leute kennen und Persönlichkeiten wie zum Beispiel Italiens „Rallyegott“ Sandro Munari, den seine Mechaniker in den späten 60er Jahren noch mit Handkuss am Serviceplatz begrüßten.

Viele der zuletzt erzählten und auch folgenden Ereignisse habe ich ja ab 2007 beruflich nicht mehr verfolgt, sehr wohl aber ist der Kontakt zu jenen Menschen die ich aus verschiedensten Gründen besonders mochte, nie verloren gegangen. Rudi Stohl oder Franz Wittmann, Gabi Husar und Dr. Cejkal, Ilka Minor, Manfred Stohl und eben Tina Maria Monego, dieser Ausbund an Lebensfreude. Ich mag einfach Menschen, die stets positiv denken, die Schicksalsschläge hinnehmen ohne zu heulen, Schlimmes verarbeiten und hoffnungsfroh bleiben. Die aus Freude lachen und weinen können, sich schon mal einen heftigen Sturm um die Nase wehen lassen und doch immer (trotz auch manch schlechter Erfahrungen) an das Gute glauben.

Das Jahr 2009 war für Tina kein besonders gutes. Zehn Rallyes, vier Mal im Ziel. Sechs Ausfälle, ein schwerer Unfall mit dem damals hoffnungsvollen Talent Hermann Neubauer. Als ich davon erfahren habe, war ziemlich besorgt, erreichte Tina telefonisch im Krankenhaus in Wels und machte mich umgehend auf den Weg um sie zu sehen. Der Unfall war heftig, der Suzuki schlug breitseits in eine Holzhütte ein, Tina hatte schwere Prellungen und eine Schambeinbruch.

Tina liegt bewegungslos im Krankenbett, ein wenig bleich, aber ein Lachen im Gesicht. Ich sitze zwei Stunden bei ihr, sie erzählt von dem Unfall und dass Hermann sie auch schon besucht hätte. „Das wird schon wieder!“, lacht sie auch noch beim Abschied – und sitzt sechs Wochen später beim Rallyesprint in Bruckneudorf wieder im Rallyeauto! Es folgen vier weiter Jahre mit Rosenberger, sie fährt auch mit Ernst „Graf“ Harrach, zwei weitere Male mit Hermann Neubauer und zwei Mal auch mit Manfred Stohl in Österreich.

Sie arbeitet über ein Jahr als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Logistikum Steyr und wird die folgenden dreieinhalb Jahre Fuhrparkmanagerin bei Schachinger-Logistik in Hörsching. Und sie fährt auch noch weiterhin Rallyes, in der Folge dann wieder im fernen Ausland mit Manfred Stohl, doch darüber später. Wir treffen einander immer wieder, mal in Wien zum Mittagessen, dann wieder in ihrer alten, gewohnten Umgebung Mürzzuschlag. Und bei einem gemeinsamen Abendessen erzählt sie von ihren neuen Plänen: „Ich geh jetzt zu ‚Ärzte ohne Grenzen‘!“ Ich blicke verständnislos in ihr strahlendes Gesicht und Tina ergänzt „Ich richte das Camp in Äthiopien ein, ich bin Logistikerin, ich kann das!“

Es ist schon fast Neun Uhr abends geworden, noch immer sitzen wir am Tisch bei einem Glas Welschriesling als mir noch Tinas letzte Rallyestation einfällt. „Wie war das eigentlich mit Manfred Stohl, mit dem Du ja nicht nur testen und als „Gravelcrew“ gefahren bist. War er wirklich so muffig wie mir Ilka erzählt hat?“ Tina denkt kurz nach und erwidert: „Das kann ich so nicht sagen! Wir hatten jede Menge Spaß, doch bei der Besichtigung war ich immer extrem konzentriert, immerhin war Manfred ja von Ilka immer perfekt betreut. Bei der Rallye selbst war Manfred dann schweigsam, nur das Notwendigste wurde im Auto gesprochen, für ein Scherzlein war Manfred da nicht zu haben und ja, ein bissl muffig war er da schon.“ Tina hatte mit Manfred vorrangig in China Rallyes bestritten, mit einigen tollen Erfolgen und ich wollte nun wissen, wer denn von ihren fast 30 Piloten bei 120 Rallyes der Schnellste war? „Manfred“, kommt es wie aus der Pistole geschossen und Tina schwärmt „wenn du mit Manfred Rallyes fährst, bekommst du eine neue Dimension des Grenzbereichs, einfach Weltklasse.“

„Zurück zu ‚Ärzte ohne Grenzen‘, zu den Einsätzen nach Äthiopien, im Südsudan, in Jordanien, welche Eindrücke hattest Du, welche Erfahrungen hast du dort gemacht“, will ich wissen und Tina wird ein wenig nachdenklich „Menschen, die nach Hause kommen und das Licht aufdrehen, sich duschen gehen, den Küchenherd einschalten und auch Fernsehen, können sich die Umstände wie man dort in der täglichen Not, im täglich gewohnten Kampf ums Überleben, ohne Medikamente, ohne Hygiene, oft ohne einigermaßen sauberen Wasser, gar nicht vorstellen. Ich war ja für die Logistik zuständig, dass das, was gebraucht wird, um Kranke oder Kriegsverletzte zu behandeln auch vorhanden ist. Aber natürlich kriegt man alles mit, das Weinen der Babys vor Schmerz oder Hunger und Durst, das Stöhnen und Schreien verletzter Menschen und man erlebt auch das Sterben. Man ist oft verzweifelt, dann wieder froh wenn ein Flugzeug mit Nachschub der notwendigsten Dinge landet und das Glücksgefühl ist unbeschreiblich wenn Du ein Bündel Mensch in den Armen halten kannst und in diesem Moment weißt, du schaffst es, du wirst leben!“

Roland, der früher in der glorreichen Mechanikercrew von Rolf Schmidt beschäftigt war und seit einigen Jahren am Flughafen Wien die abfliegenden Flugzeuge auf ihre Sicherheit überprüft, macht mir noch einen Kaffee, Tina nimmt ein Glas Prosecco. Ich bin beeindruckt von den Erzählungen, von den Erfahrungen die Tina in ihrem Leben bisher gemacht hat und von den Fotos aus den Krisengebieten.

„Du warst dann mit ‚Ärzte ohne Grenzen‘ auch noch in Syrien und dem Irak in Ländern, wo der Stellenwert einer Frau ein ganz anderer ist, wo Du ohne Kopftuch nicht einmal im Büro sitzen kannst. Du warst mitten im Kriegsgebiet und ich frage mich, warum nach Afrika auch noch das?“ Tinas Augen sind ein wenig melancholisch geworden, aber mit bestimmter Stimme kommt die Antwort: „Weil es auch dort Menschen gibt, die Hilfe brauchen!“

Nach dieser Antwort bin ich doch ein wenig beschämt, will aber über ihre weitere Zukunft wissen. „Du bist nun schon einige Zeit beim Roten Kreuz in Österreich tätig, bist zuständig für die gesamte Logistik und Katastropheneinsätze, bist Du jetzt am Lebensziel angelangt?“ Und wieder dieses Lächeln im Gesicht als Tina antwortet: „Zur Zeit bin ich glücklich und zufrieden, aber das ist noch lange nicht das Ende meiner Reise!“ Wenige Tage vor dem Heiligen Abend will ich noch wissen, wie sie wohl die kommenden Feiertage verbringen wird ?

„Natürlich mit meinem Schatz, hier in Wien, bei seinen Verwandten und auch bei meiner Mama am Semmering. Und am 24. denke ich sicher auch an damals, als wir Weihnachten mit den Ärzten in Jordanien gefeiert haben. Ohne Wein oder Prosecco, ohne Weihnachtsbaum und ohne Weihnachtsbraten, aber wir waren auch dort glücklich und zufrieden.“

Motorline.cc bedankt sich bei allen Lesern für die Treue und bei Peter Klein für die zahlreichen, sehr spannenden Kolumnen, die er uns hier zur Verfügung stellt und die eine große Fangemeinde haben!

Im Namen von Tina Maria Monego würden wir uns über eine Unterstützung der "Ärzte ohne Grenzen" sehr freuen, hier habt ihr die Möglichkeit zu einer - steuerlich absetzbaren - Spende: Website Ärzte ohne Grenzen

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