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Erinnerungen eines Sportreporters: 1986 – Triumpfe und Tragöden
Fotos: Archiv Rudi Stohl, Peter Klein privat

1986 – Triumpfe und Tragöden

Das Jahr 1986 wurde von einige schweren Unfällen in der Rallye-WM überschattet, für Rudi Stohl war es indes eine seiner erfolgreichsten Saisonen, mit interessanten Anekdoten wie einem Motortausch in Neuseeland.

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Rudi Stohl war und ist ein offener, stets freundlicher Mann und einer seiner Leitsprüche lautet: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“ Kein Besuch bei einem seiner treuen Sponsoren ohne Apfelstrudel, keine Rallye im Ausland ohne Sachertorten in der Holzkiste. Diese Spezialität der Wiener Küche, von Österreichs Rallyelegende immer charmant überreicht, genoss bei den VW- & Audi-Partnern einen besonders guten Ruf. Sie bescherten Rudi aber auch immer wieder tadellose Einstellplätze in den Garagen der Importeure von Nairobi, Cordoba, Athen und Abidjan bis nach Perth in Westaustralien und Auckland in Neuseeland.

Man muss dabei aber auch an Stohls finanzielle Möglichkeiten denken – und die waren beileibe nicht einfach. Einer kreuzbraven Arbeiterfamilie entsprungen, schaffte er es vom Lehrling als Automechaniker bis zum Meister und Werkstattleiter, heiratete, baute ein Haus, pflanzte einen Baum, zeugte Tochter und Sohn, die gleichfalls ihr Leben erfolgreich gestalten. Aus der Garage in seinem Haus wurde Rudis Hobbyraum in dem er nebenbei auch noch Rallyeautos baute. Zumeist mit Freunden, denen Rudi gleichfalls half – und so war eben allen geholfen. Wenn man Rudi in der Wiener Donaustadt aufsuchte, läutete man nicht an der Türe, sondern ging hinunter zum Garagentor, hob es an und fand Herrn Stohl zumeist in unten abgebildeter Haltung!

Zu den erfolgreichsten Saisonen im Leben des Herrn Stohl sen. gehört zweifellos das Jahr 1986 in dem, neben zwei nationalen Rallyes, gar neun WM-Läufe auf dem Programm standen. Zum Aufwärmen gab es mit dem Audi 80 Quattro Rang zwei bei der Jänner-Rallye im Raum Freistadt und knapp drei Wochen später in Monte Carlo Rang sechs in der Gruppe A. Dort fuhr auch Franz Wittmann als Teamkollege des großartigen Kenneth Eriksson im VW-Werksteam auf Rang Drei, der Schwede hinter dem Franzosen Oreille im Renault 11 Turbo 2. in der Gruppe A.

In Portugal kam es dann zum schrecklichen Unfall des Einheimischen Joaquim Santos, bei dem offiziell drei Menschen ums Leben kamen und es auch zahlreiche Verletzte gab. Alle Werke zogen ihre Piloten sofort zurück, also Audi, Lancia, Peugeot, Ford, MG und auch VW obwohl dieser WM-Lauf nicht abgebrochen wurde! Auch Rudi Stohl sowie Gabi Husar beendeten ihren Einsatz und dieser Unfall war am Ende der Saison auch das Ende der Gruppe B.

Der Audi von Stohl wurde rasch nach Nairobi geflogen, doch bei der Safarirallye gab es keine weiteren WM-Punkte. Nach einer Wasserdurchfahrt blieb der Audi einfach stehen, oder wie es Rudi formulierte: „Ohne Motor geht nix, auf amoi is da Bock gstondn!“ Auch Kenneth Eriksson, der große Konkurrent und Favorit in der Gruppe A musste nach einem Überschlag, bei dem ein Zuschauer tödlich verletzt wurde, aufgeben. Der vierte Rallyetote im Jahr 1986.

Schon im März hatte man im Hause Stohl begonnen, einen zweiten Audi aufzubauen, ein Quattro Coupé und mit diesem Auto gelang drei Monate später in Griechenland, nach einem beinharten Dreikampf mit den VW-Werkspiloten Kenneth Eriksson und Franz Wittmann der Sieg in der Gruppe A und Rang sechs im Gesamtklassement. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Quattro von Kenya bereits auf offener See Richtung Neuseeland zum WM-Lauf Anfang Juli, wo Rudi ein weiteres Duell mit Eriksson erwartete. Der Deutsche Jürgen Bertl war mit im Team, er hatte bereits Kontakt mit dem größten Audi-Händler in Auckland aufgenommen.

Der Audi kam vom Schiff auf schnellstem Weg in die Werkstatt, das Fahrwerk wurde umgebaut und für den feinen Schotter präpariert. Rudi hatte für den Boss Trevor Hudson neue Audi-T-Shirts im Gepäck und weil man bekanntlich keine Lebensmittel in Neuseeland einführen durfte, kaufte Rudi vor Ort schnurstracks zwei Torten für die Damen im Büro. Stohls Team wurde sehr herzlich aufgenommen - kleine Geschenke erhalten bekanntlich die Freundschaft!

Am Tag vor dem Start stellte sich Rudi der ORF-Kamera, zeigte einige beherzte Drifts und als der Audi mit Startnummer 15 in einem kleinen Waldstück verschwand, vernahmen wir plötzlich einen Knall. Ein Unfall? Oder war es ein Schuss? Da rollte der Audi bedächtig aus dem Wald und kam bald zu stehen ¬ Motorschaden... Die Mechaniker brachten das Auto am Seil in die Werkstatt, Öl im Motorraum und Verzweiflung machte sich breit. Trevor Hudson erschien im neuen T-Shirt, „Audi-Motorsport“ war an der linken Brust zu lesen und Rudi erzählte ihm von seinem Missgeschick. Ein bunter Haufen Österreicher war um die halbe Welt geflogen und jetzt das!

Da entdeckte Stohl einen Vorführwagen im Verkaufsraum, eilte aufgeregt zu dem Audi und stöhnte leicht erregt: „Des is a ochzga Quattro, den brauch ma!“ Dann wandte er sich zum Geschäftsführer: „Trevor, ei nid de enschin“ und Mister Hudson war verzweifelt. Die Konkurrenz hätte zumindest 70 PS mehr unter der Haube und man könnte doch nicht mit einem serienmäßigen Motor einen WM-Lauf bestreiten. Rudi würde hinterherfahren und es wäre eine schlechte Werbung für Audi!

Aber Rudi gab nicht auf, er bettelte förmlich um den Motor, schwärmte von ihm wie von einer heimlichen Geliebten und selbst Trevor Hudsons Sekretärin warf ihrem Chef einen flehentlichen Blick zu (die Torte hatte sichtlich gut getan). Dieser stöhnte ein verzweifeltes „okay“ und hieß sich heimlich einen Idioten. 14 Stunden vor dem Start begannen die Mechaniker mit dem Umbau – Rennmotor raus – serienmäßiger Motor rein und noch in der Nacht fuhr Rudi die ersten Testkilometer.

Der Schluss ist schnell erzählt: Das Duo Stohl/Kaufmann fuhr eine sensationelle Rallye und ließ die Konkurrenten in der Gruppe A staunen. Rang drei hinter Eriksson und dem Einheimischen Rod Millen im Werksauto von Mazda, sowie 12. in der Gesamtwertung. Am Ende des Jahres gab es einen weiteren Gruppe-A-Sieg an der Elfenbeinküste, weitere, beinharte Duelle mit VW-Werksfahrer Eriksson in Argentinien und San Remo und schließlich Rang zwei in der Weltmeisterschaft.

Diese Leistung wurde auch in Österreich honoriert und Rudi Stohl wurde nach 1982 zum 2.Mal „Österreichs Motorsportler des Jahres“. Ach ja, natürlich brachte er den Serienmotor mit knapp 600 Sonderprüfungskilometern und mehr als 900 km auf der Etappe wieder frisch geputzt zurück. Am 09. Juli 1986 wurde er von Leopold Müller und Stohl umgebaut und Trevor Hudson sprach von der besten Werbung für Audi.

Es blieb beim einmaligen Antreten von Stohl sen. In Neuseeland, in den Jahren darauf zählte dieser Lauf nur noch zur Fahrer-Weltmeisterschaft. Franz Wittmann siegte mit dem Lancia vor Eriksson im Golf und 1988 feierte Sepp Haider im Opel-Werksteam in Auckland seinen ersten WM-Sieg.

1994 kam Manfred Stohl mit seinem deutschen Co-Piloten Kay Gerlach und einem Audi Coupé S2 zum ersten Mal in seiner Karriere nach Neuseeland. Trevor Hudson nahm den Junior fast liebevoll in Empfang und stellte seine Werkstatt zur Verfügung. Wie damals vor acht Jahren, als Rudi für den guten Ruf der Österreicher sorgte. Bitter: Manfred Stohl fiel in der 30. und letzten Sonderprüfung just mit Motorschaden aus...

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