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Erinnerungen eines Sportreporters
Fotos: Bernhard Kern privat

Die Karikatur ist eine grobe Wahrheit

….sagte schon im 19. Jahrhundert der englische Schriftsteller und Lyriker George Meredith - und so wurde dieser Satz zur Überschrift meiner Geschichte.

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Karikaturisten gibt es seit ewiger Zeit. Manchmal halten sie uns den Spiegel der Wahrheit vor das Gesicht. Egal ob Wilhelm Busch oder Paul Flora, Manfred Deix oder Erich Sokol - jeder für sich ist Persönlichkeit, Künstler aber auch Illusionist.

Diese Geschichte handelt von einem Mann, der ein Jahrhundert nach Meredith mit seiner Kunst dem heimischen Rallyesport und deren Protagonisten oft auf die Sprünge geholfen hatte:
                     
Richard Hicker

Den etwas älteren Lesern ist dieser Name wohlbekannt und es bedarf nicht näherer Erklärung. Den Jüngeren möchte ich aber sagen: Der Mann ist es wert, auf ein Podest gehoben zu werden – und das kam so:

Der gelernte Büromaschinentechniker war als solcher in den späten 70ern schon oft ein gesuchter Mann. Wenn einmal etwas nicht funktionierte, rief man nach Hicker - der macht’s wieder gut. Mit seinem Werkzeugkoffer, vorrangig zu Fuß im ersten Wiener Bezirk unterwegs, reparierte er Schreibmaschinen, Faxgeräte oder Büromaschinen in Windeseile, oft begleitet von Deep Purples „Smoke on the water“. Er schraubte vergnügt bei „Stairways to heaven“ von Led Zeppelin und sang nach getaner Arbeit lauthals „Like a Rolling Stone“. Hicker spielte damals die selbst aufgenommen Kassetten, einen kleinen Recorder im Gepäck. Und nebenbei griff er bereits zu Stift oder Feder, denn sein Talent zum Zeichnen war schon in der Hauptschule bekannt. Beim österreichischen Bundesheer wurde er zur Abteilung Fernschreiber bestellt, dort lernte er Unteroffizier Heribert Werginz kennen, den späteren Cheftechniker des OAMTC respektive der OSK (heute AMF), der von manchen Piloten gefürchtet war. Damit wurde seine Affinität zum Motorsport weiter gefördert.

Hickers großes Vorbild war ein wahrer Meister der Karikatur – Erich Sokol. Dessen politische Karikaturen in großen Zeitungen, Illustrierten, ja sogar im US-Playboy von Hugh Hefner machten ihn schnell berühmt und so wurde er unter Generalintendant Gerd Bacher Chefgrafiker beim ORF. Nun ist ein Vergleich mit dem Sokol nicht gestattet, denn Hickers Prioritäten waren nie Politiker und deren Köpfe - ihn interessierten ausschließlich Autos und Maschinen. Der Meisterschaftslaufsieg von Gabi Husar vor 40 Jahren tangierte nur wenig, aber eine tolle Karikatur war sie allemal wert.

In der Clique der Motorsportverrückten des MSC Purkersdorf hatte Richard Hicker schon davor seine Liebe zu Rallye und Rallycross entdeckt. Da er sich bei Ausweisrallyes als Co-Pilot behaupten konnte, wurde er bald auch von Piloten wie Kurt Göttlicher und Sepp Pointinger geschätzt. Diese Karriere ging über drei Jahre - dann waren aber Job und vor allem die Karikatur für ihn Priorität.

Natürlich brachte ihn der Rallyesport auch nach Griechenland zur „Rally Acropolis“ - und als 1982 von sechs Österreichern nur einer, nämlich Fritz Heisler mit Co-Pilot Walter Blieberger ins Ziel kam, entstand dieses Bild, welches heute noch in in Trumau in der Spezialwerkstätte Hammerschmied zu bestaunen ist.

Nicht nur in Österreich war die Nachfrage nach solchen Bildern groß - längst hatte man nicht nur in der Industrie, bei den Fahrern und auch Veranstaltern in Europa Gefallen an dieser Art von Karikatur gefunden. 

Fast jeder im Motorsport wollte einen „Hicker“ haben. Selbst in der Formel 1 waren sie beliebt und auch der unvergessene Jo Gartner schätzte seine Arbeit. Und als im Rallyesport die Audi-Dominanz fast schon erdrückend war, verlangte in Ingolstadt der legendäre Pressechef Dieter Scharnagel: „Der Hicker soll uns wos Gescheits moin!“ Und so hängt im Werk neben dem Pokal für die Rallye-Weltmeisterschaft 1983 auch ein echter Hicker.

Hicker fand im Motorsport eine Marktlücke, die er nie gesucht hatte. Und als ihm, dem Büromaschinentechniker die Maschinen zu technisch wurden („Manche waren oft nur noch Plastik-Klumpert“), als er es leid war, schlechte Qualität reparieren zu müssen und als die Nachfrage nach seinen Bildern immer größer wurde, war die Zeit vorbei, mit der Werkzeugtasche unterwegs zu sein.

Neben seinem Elternhaus, welches er heute noch bewohnt, wurde aus einem Schuppen ein Atelier, wo er seine Ideen in Ruhe verwirklichen konnte. Aber nicht nur in Österreich waren seine Karikaturen gefragt, längst war er über die Grenzen hinaus bekannt. Titelseiten für Rallye- oder auch Rallycross-Veranstaltungen entstanden und nicht nur heimische Piloten von Wittmann bis Rosenberger, Haider, Stengg, Stohl usw. wurden verewigt. Selbst Niki Lauda machte mit einem Hicker Werbung für sein Airline.

Ich frage Richard: „Jo Gartner war ja Mitte der 80er Jahre gleich mehrere Bilder wert und beim Rallycross wurden deine Karikaturen von Grünsteidl, Bentza oder Franz Wurz sehr geschätzt. Hattest Du auch engeren Kontakt zu den Piloten selbst?“

Nur kurzes Nachdenken und dann ein klares: „Nein, richtige Freundschaft gab es nicht - obwohl ich viele Wochenenden in diversen Servicezonen oder Boxen verbracht habe.“

Dann wollte ich noch wissen, warum er nie Portraits karikiert hatte - doch da schüttelt er seine grau gewordene Mähne: „Das hat mich nie interessiert. Konnte ich auch nicht - für mich waren immer die Autos relevant. Ich hatte immer schon die Liebe zum Detail, jede Schraube am Fahrzeug, die Form und das Äußere. Jeder Sponsoraufkleber muss exakt in die Karikatur übernommen werden, auch wenn es lustige Bilder werden“.  

Und so wurde Richard Hicker auch für die Industrie interessant. Ein Hicker wurde zum echten Hingucker - keine noch so professionellen Hochglanzfotos konnten mithalten…

Doch mit den Jahren wurde es stiller um den Künstler. Er hatte sich ein wenig zurückgezogen, war im Motorsport zuletzt nicht mehr so präsent wie einst.

„Es gab auf einmal Gruppierungen, mit denen ich nicht zurechtgekommen bin. Alles wurde teurer und die Sponsoren wurden rarer, die Jagd nach Sponsorengeld wurde heftiger. Mancher rief mich im Herbst an, weil da ja schon die Karikaturen für die kommende Saison bestellt wurden. Einige fragten mich, welche Sponsoren der Herr X oder Y auf seinem Auto für die kommende Saison hatte. An manchen Klubabenden wurde diskutiert und danach intrigiert, die gewohnte Herzlichkeit war plötzlich nicht mehr da.“

Die Enttäuschung ist Richard Hicker im Gespräch anzumerken - auch wenn die schönen Erinnerungen noch präsent sind.

„Stimmt es“, will ich wissen, „dass einige bei Dir Karikaturen bestellt, aber später nicht bezahlt haben?“ Da wird die Miene des Künstlers traurig - höflich aber bestimmt meint er: „Darüber will ich nicht reden oder Namen nennen!“

Nur noch selten arbeite er für den Motorsport, zuletzt für die klassische Alpenfahrt oder für Veranstalter und Zeitschriften wie „Auto&Sport“.

„Was machst Du jetzt?“, will ich wissen. „Du bist ja nicht Pensionist, woher beziehst Du Dein Einkommen?“ Da lächelt Richard mild und erzählt: „Ich bekomme immer wieder Anfragen aus Deutschland und zeichne jetzt lustige Baumaschinen und nachdem bei einer Messe die Japaner meine Arbeit gesehen haben, gibt es immer wieder Aufträge von Hitachi. Ich mache Karikaturen von Traktoren, Radlagern und diversen Baumaschinen. Sie schicken mir Bilder und ich karikiere sie, das haben die Kunden lieb gewonnen.“

Wie solch ein Auftrag verläuft, will ich wissen - über Internet? Über WhatsApp? Da schüttelt Hicker den Kopf: „Ich habe keinen Computer, also kein Internet und auch kein Whatsapp. Ich habe ein altes Telefon meiner Schwester, das sie vor Jahren schon wegwerfen wollte, ich brauche es ja nur zum Telefonieren. Ich bekomme einen Brief aus Japan mit den Wünschen und Fotos, mache Entwürfe und schicke sie mit der Post.“

In diesem Moment bin ich ein wenig fassungslos, ein Maler ohne Web, Computer, modernem Handy, ohne Whatsapp?

Und dann stelle ich mir diesen etwas schrulligen und doch so liebenswerten Menschen in seinem Atelier vor, ohne den technischen Errungenschaften unserer Zeit und komme zu dem Schluss: Richard Hicker ist ein glücklicher Mensch.

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