Erinnerungen eines Sportreporters | 23.06.2026
Rallye Akropolis – eine unendliche Geschichte
Zur Einstimmung auf die bevorstehende Rally Akropolis erzählt unser Kolumnist Peter Klein aus jener Zeit, in der schon die Anreise zu dieser Kult-Rallye ein wahres Abenteuer war...
In der Rallye-Weltmeisterschaft sind einige Länder Jahr für Jahr vertreten und aus dem Kalender gar nicht wegzudenken. Ein Jahr ohne Col de Turini, Fafe oder Lauka ist kaum vorstellbar und dennoch gibt es eine Rallye, wo der Kenner gleich bei einigen Sonderprüfungen zu jauchzen beginnt: Die „Rally Acropolis“ in Griechenland!
Es gibt meines Wissens keine Rallye, bei der mehr Österreicher voller Begeisterung an den Start gingen - und so manche Sonderprüfung aus tiefstem Herzen verfluchten. Prodromos oder Mount Parnis waren jeweils die längsten Sonderprüfungen mit bis zu 42 Kilometern, Distomo oder Karrutes, Sikea und Meteora, Hani Zagana, Platanaki und Bauxite Way - all das auf übelsten Schotterstraßen.
Neben der Safarirallye ist „die Akropolis“ die Rallye mit den alljährlich meisten Ausfällen. Björn Waldegard zum Beispiel kam sieben Mal in Folge nicht ins Ziel, erst beim achten Mal 1977 gelang ihm dieses Kunststück. Er siegte als Werksfahrer bei Ford vor Roger Clark und Harry Källström. In diesem Jahr waren 19 Österreicher am Start - aber nur einer, nämlich Georg Fischer beendete die Rallye als 16.!
Es war die brutalste Akropolis Rallye aller Zeiten. Von 165 gestarteten kamen nur 29 Piloten ins Ziel.
Vor 40 Jahren, also 1986 waren von 101 Gestarteten schon 34 ins Ziel gekommen, darunter Rudi Stohl als Sechster. Franz Wittmann auf Platz Neun und auch Josef Pointinger schleppte seinen braven Ford Escort noch ins Ziel. Drei weitere waren ausgefallen, zuletzt Gabi Husar mit ihrem Porsche auf der 42. Sonderprüfung.
Zehn Jahre später noch immer mehr als 50 Prozent Ausfälle - doch mit den Jahren wurden die Sonderprüfungen arg verkürzt und damit kastriert. Auch wurde das Material immer besser und heute wird nur noch bei Tageslicht gefahren.
Gab es vor 40 Jahren noch bei einer Gesamtlänge von fast 2.000 Kilometern knapp 700 Sonderprüfungskilometer, wurden im Vorjahr nur noch 345 km gefahren.
Aber zurück in die Vergangenheit, als Rallye nicht nur Rennen, sondern auch Abenteuer war. Als es weniger um Geld, aber um mehr Ehre ging.
Als Mechaniker sich für Gottes Lohn die Nächte um die Ohren schlugen - nur um „dabei“ zu sein. Schon die Anreise war von Aufregung, Strapazen und Müdigkeit begleitet.
1976, also vor 50 Jahren machten sich gleich sechs österreichische Piloten samt Beifahrer und Mechaniker auf den Weg nach Athen.
Während Kärntens Klaus Russling nur die jugoslawische und griechische Grenze zu bewältigen hatte, waren es für Karl Ripper, Julius Ehrlich, Beppo Sulc, Leo Schirnhofer und Rudi Stohl nicht nur gut 300 Kilometer mehr, sondern auch noch eine äußerst mühevolle Fahrt.
Von Wien fast quer durch Ungarn, dem ehemaligen Jugoslawien zum Grenzübergang Gevgelija und dann waren es nur noch schlappe 750 km über Athen nach Glyfada. Das Zweisterne Hotel Perla war für die Österreicher gerade noch erschwinglich, zum Meer waren es nur etwa 50 Meter.
28 Jahre später entstand hier das olympische Segelrevier, wo das grandiose Duo Hagara/Steinacher nach Sidney 2000 die zweite Goldmedaille holte.
Was heute in knapp 20 Stunden mit dem Auto eher locker zu bewältigen ist, war vor 50 Jahren eine wahre Tortur.
Der Start von Wien bis Hegeyshalom war in einer Stunde bewältigt, doch beim Grenzübergang nach Ungarn gab es schon die erste „Stehzeit“.
Wo man heute fröhlich durchgewunken wird, fand damals eine oft stundenlange Kontrolle statt. György Lazar war damals Ministerpräsident, der „eiserne Vorhang“ war aktuell und unsere heimischen Piloten kamen mit Charme, Stroh Rum und den schlimmen Austria 3 Zigaretten meist unbeschadet unter dem Motto „Wer gut schmiert, fährt gut“ nach zwei bis drei Stunden Wartezeit auf ungarischen Boden.
Man wurde immer wieder von bewaffneten Soldaten kontrolliert, was aber mit einigen Packungen Zigaretten schnell zu erledigen war. Ausreise Ungarn – Einreise Jugoslawien Richtung Belgrad, wo Staatspräsident Josip Broz Tito das Sagen hatte.
Das Spiel begann von vorne: Erst Wartezeit, danach Kontrolle - aber auch hier erhielten kleine Geschenke die Freundschaft und nach rund einer guten Stunde durfte man die damals so berüchtigte „Autoput“ bereisen. Die sogenannte Gastarbeiterroute war einst knapp 1.200 km lang, führte von Westen nach Südosten durch die föderalistische Republik Jugoslawiens. Der Asphalt war von übelster Qualität, eine einzige Rüttelpiste, die die Wirbelsäule der Fahrer und Mitreisenden quälte und keinen Schlaf zugelassen hatte.
Am Grenzübergang Gevgelija nach Griechenland gab es kaum Schwierigkeiten, die Rallye war in aller Munde und Piloten aus „AUSTRIA“ waren stets herzlich willkommen. Wenige hundert Meter später gab es den „Suppenwirt“, wie ihn einst Rudi Stohl nannte und jeder kehrte gerne ein. Eine griechische Gemüsesuppe mit einem gefühlten halben Kilo Rindfleisch gab Kraft. Sie vertrieb die Müdigkeit und stimmte fröhlich, hatte man doch schon zwei Drittel der Strecke hinter sich gebracht.
Acht bis neun Stunden später war das Ziel erreicht und der Veranstalter hatte für österreichische Piloten einen kleinen Bungalow kostenlos zur Verfügung gestellt.
Rudi Stohl erinnert sich: „Es war eine Hütte für Zwei, aber ich hatte auch vier Mechaniker mit und in jeder Ecke lag einer zum Schlafen. Geld gab es nicht, nur die Spesen wurden bezahlt. Jeder wollte vor allem „DABEI SEIN“, Abenteuer erleben, Griechenland sehen, vielleicht einmal im Meer schwimmen und vor allen Dingen Österreich stolz präsentieren.
1976 musste aber auch der Veranstalter sparen und so wurde ein billiges Hotel im Nahbereich von Athen gesucht – das „Perla“ in der Einflugschneise des alten Athener Flughafens.
Tags darauf Antrittsbesuch bei der ELPA, dem griechischen Automobilklub und seit 1952 auch Veranstalter. Ein Jahr zuvor ging die Rallye erstmals über die Bühne – die Firma Shell war Initiator und schnell erkannte man: Diese „Rally Acropolis“ wird ein absoluter Gewinn, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Alle notwendigen Unterlagen wurden präsentiert, die Startnummern aus Blech (manche Teilnehmer hüten dieses Schild noch heute wie einen kostbaren Schatz) hatte man freudig entgegengenommen und dann die Nennliste studiert. Rudi Stohl erzählt mir, dass damals ein Ford Transit Zugmaschine und auch Trainingsfahrzeug war. „Göd hama jo vü zwenig ghobt, oiso hama damois im Transit a gschlofn!“
1976 gab es 126 Teilnehmer, zehn Werke präsentierten ihre Produkte von Toyota über Lancia, Ford, Porsche, Renault Alpine, Datsun, Skoda usw. bis zum Werksteam vom russischen Erzeuger Lada.
Die Piloten waren die Creme de la Creme, von Waldegard über Källström, Ove Andersson, Shekhar Mehta, Hannu Mikkola, Rafaele Pinto, Jean Ragnotti, Mauro Pregliasco, die griechischen Profis Iaveris, Mouschutis und Leonidas und jede Menge Primgeiger wie Pesmazoglou, John Haugland, Dino und Geminis. Nur den älteren Lesern sind diese Namen geläufig - doch damals waren es, für österreichische Privatfahrer, praktisch unschlagbare Piloten. Und dennoch lieferten sie den Gegnern mitreißende Duelle und fuhren sich förmlich die Seele aus dem Leib.
Einer aber war zwei Tage lang die Sensation dieser Rallye und platzierte sich, mit dem schwächsten Auto ausgestattet, nach fast zwei Etappen unter den ersten Zehn. Aber darüber erzähle ich euch im nächsten Kapitel….(erscheint am Donnerstag auf motorline.cc)


















