Erinnerungen eines Sportreporters | 12.08.2026
"Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von morgen“
ORF-Reporterlegende Peter Klein begleitet für motorline.cc Marcel Neulinger auf seinem Weg zurück ins Rallye-Cockpit - Gedanken vor dem ersten Treffen...
Natürlich ist mir der Name Marcel Neulinger ein Begriff – und das nicht erst seit seinem Unfall in Polen. Es war 2024, also vor zwei Jahren im Lavanttal, als ich in Prebl fast das gesamte Feld beobachten konnte und mir ein Fahrer im Ford Fiesta ob seiner sehr beherzten Fahrweise besonders aufgefallen war. Ein Blick in die Startliste und der Name: Marcel Neulinger stand da zu lesen. Marcel, ein Vorname der auffällt und im Gedächtnis hängen bleibt. Ein Name lateinischer Herkunft mit der Bedeutung: Marcel – der Kämpfer!
Im Jahr darauf räumte der damals noch 19-Jährige bei der Jännerrallye im Opel-Team unter der Leitung von Manfred Stohl alles ab, was es zu holen gab! Jeweils Erster in der Klasse RC4, bei den Austria Junioren und auch Austria 2WD.
„Woher hast Du den jungen Mann?“, wollte ich von Stohl wissen? „Aus dem könnt was werden“, war Manfreds trockene Antwort.
Was folgte war eine Saison mit Erfolgen, die sich wahrlich sehen lassen können. Gleich 14 Rallyes bestritt Marcel 2025 mit unzähligen 1. Plätzen in allen möglichen Kategorien.
Bei der 1000 Hügel-Rallye 2025 konnte ich den Youngster erneut beobachten und war nun doch schon sehr angetan von Marcel! Ein 6. Gesamtrang mit dem Opel Corsa Rally4 war eine geradezu überragende Vorstellung. Egal ob mit Corsa Rally4 oder Corsa e Rally, die Serie an Erfolgen wurde nur einmal kurz unterbrochen. Im Oktober folgte bei der Herbstrallye die Premiere im Lancia Ypsilon Rally4 und am Ende des Jahres war zwar noch kein Star, aber doch ein Sternchen am heimischen Rallyezirkus geboren.
Die Leser meiner Erinnerungen auf motorline.cc wissen, dass ich ein Verfechter von Konkurrenz mit den Besten der Welt bin. Und nicht erst seit 1991, als vor 35 Jahren die großartige, internationale Karriere des Manfred Stohl beim Weltmeisterschaftslauf an der Elfenbeinküste begann.
Und so war ich auch sehr angetan, als ich vom Engagement Marcels in der ERC lesen konnte. Nunmehr im Team des ebenfalls erfahrenen Raimund Baumschlager sollte die Karriere weitergehen, sollten auch internationale Erfolge erzielt werden. Ein Blick in die Vergangenheit beweist, dass man nur Großes erreichen kann, wenn man sich mit den Besten misst! Ein Wittmann sen. ist zwar über seine unzähligen Meistertitel höchst erfreut – stolz ist er aber auf seine internationalen Erfolge bei EM und WM-Läufen, egal ob Finnland, Portugal oder Neuseeland. Gleiches gilt für Raimund Baumschlager, Sepp Haider machte sich in Deutschland einen Namen, Rudi Stohl auf der ganzen Welt, Manfred Stohl suchte immer den Vergleich mit der Weltklasse – „ Masta in Österreich kaun i mit fufzig a no wearn“, waren einst seine launigen Worte. Es gäbe noch einige mehr zu erwähnen, die für den guten Ruf österreichischer Piloten im Ausland sorgten. Jeder soll aber meiner Meinung nach selbst einschätzen, zu welchen Leistungen er befähigt - und ob er mit diversen Erfolgen bei Rallyes in Österreich zufrieden ist.
Zurück zu Marcel Neulinger, dessen Erfolgsgeschichte auch 2026 weiter ging. Neun Rallyes in Folge – jedes Mal im Ziel, unzählige Siege in den diversen Klassen bis zum hervorragenden 7. Gesamtrang Mitte Juli bei der Rallye rund um Weiz. Unter der Obhut von Raimund Baumschlager und mit den Erfolgen wuchs sicher auch das Selbstvertrauen von Marcel - bis zum unglücklichen 25. Juli beim Europameisterschaftslauf in Polen.
Die Meldung vom schweren Unfall, von den Verletzungen und auch von den Bildern die in vielen Medien gepostet wurden machten mich sehr nachdenklich. Die Leser meiner Erinnerungen wissen vielleicht noch, dass auch ich vor bald 40 Jahren einen schweren Unfall auf der Südautobahn hatte. Ich kann mir also vorstellen, was in Marcel nun vorgeht, wohin seine Gedanken gehen.
Und so bin ich froh, dass ich von motorline.cc mit der Aufgabe betraut wurde, Marcel Neulinger in nächster Zeit ein wenig zu begleiten. Ein Telefonat mit Raimund Baumschlager über unsere Absichten – er gibt mir bereitwillig die Telefonnummer. Ich erreiche Marcel, erzähle ihm von den Plänen, erfahre Zustimmung und wir vereinbaren einen ersten Termin. Und so mache ich mich auf den Weg nach Linz, die Fahrt durch das Helenental noch sehr auf den Verkehr konzentriert, schwirren mir später auf der Westautobahn weitere Gedanken durchs Hirn.
Wir kennen einander noch nicht, Marcel und ich haben zuvor kein einziges Wort gewechselt. Wird er mir misstrauisch begegnen – oder meinen Absichten vertrauen? Wie geht es ihm nach einigen Operationen, nach dem Erkennen seiner Verletzungen, wie groß ist sein Leid, steckt genug Kraft und Willen in ihm?
Und plötzlich, kurz vor Linz muss ich an Paulo Coelho, diesen großartigen Schriftsteller aus Rio de Janeiro denken der einst schrieb:
„Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von morgen“
Ich werde diesen Spruch Marcel erzählen, vielleicht gibt ihm das neue Energien und Kraft und hilft, die kommenden schweren Monate der Rehabilitation besser zu bewältigen.
Von unserem ersten Treffen erzähle ich euch am Wochenende.


















