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Erinnerungen eines Sportreporters
Fotos: Harald Illmer, Manfred Hackl, privat

Stärke kommt nach Tränen

Unser Kolumnist, der langjährige ORF-Sportreporter Peter Klein berichtet von seinem ersten Besuch bei Marcel Neulinger - am Ende steht ein Zitat voller Hoffnung….

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Selbst für den abgebrühten Reporter ist es nicht einfach, einen Menschen kennen zu lernen, dem das Leben gerade eine schwere Prüfung auferlegt hat. Ich habe im Verlauf von 28 Jahren Rallye-Berichterstattung sowohl in Österreich, als auch bei diversen WM-Läufen schwerste Unfälle miterleben müssen.

Aber in ewiger Erinnerung bleibt mir wohl das Jahr 1988, als im September Rudi Stohl an der Elfenbeinküste schwer verunfallt war. Es war eines der ganz seltenen Rennen, wo ich Rudi nicht begleiten konnte. Mit Schädelverletzung wurde er von Abidjan nach Wien geflogen, ich konnte ihn zwei Wochen später im Lorenz - Böhler Spital in Wien samt Kamerateam besuchen. Eine riesige Narbe quer über den glatt rasierten Schädel , körperlich schwach, wie ich es bei ihm vorher nie erlebt hatte. „Wirst Du jetzt aufhören?“, wollte ich im Gespräch mit ihm erfahren. Da blitzten die Augen fast zornig und es kam ein typischer Stohl: „A Dochdecker heart a ned auf, nua weu eahm amoi da Hammer obefoillt.“
 
Knapp 38 Jahre später musste ich zwischen Enns und Linz an diese Worte denken. Ich war auf dem Weg zu Marcel Neulinger, der nach seinem schweren Unfall von Polen, nach der ersten Operation nach Österreich überstellt worden war.

Rudi war damals an der Cote d´Ivoire knapp über 40 Jahre alt. Ein „gstandener Mann“, dem schon manch rauer Wind um die Nase geweht war. Ein Mann, der mit Triumph und Niederlage, Enttäuschung, Schmach und Jubel stets zurecht zu kommen gelernt hatte.

Aber nun ist es ein 21-jähriger junger Bursche, dem das Schicksal ganz übel mitgespielt hat. Den komplizierte Serienbrüche für viele Wochen ins Bett verdammen, den Schmerzen quälen, der noch viele Tage ans Bett und den Rollstuhl gefesselt sein wird. Der noch wenige Wochen zuvor die Konkurrenz rund um Weiz deklassiert hatte und voll Selbstvertrauen nach Katowice gereist war…

Wie verkraftet ein so junger Mensch einen derartigen Schock? Wie verarbeitet er die Diagnosen des Arztes? Wochenlange Bettruhe, keine Belastung, auf ständige Hilfe angewiesen.

Du wirst mächtig stark sein müssen denke ich noch, öffne die Türe zum Krankenzimmer und sehe Marcel zum ersten Mal.

Schmal, fast zart der Körper, hilflos ans Bett gefesselt und sehr nachdenklich sein Gesicht.

Mutter und Schwester sind gerade zu Besuch, sie verabschieden sich sofort, wollen uns für das erste Gespräch alleine lassen. Was mag wohl in der Mutter vorgehen, was die Schwester empfinden?

Wir reichen einander erstmals die Hände und ich schaue Marcel in die Augen. Sie sind müde, verzweifelt, Pein und Schmerz sind zu sehen. Ein Bündel Mensch den das Schicksal ein weiteres Mal geprügelt hat.

Er hatte den Beruf eines Motorradmechanikers erlernt – und bei Watzinger-Motorrad in der Freistädterstraße in Linz ist er heute noch beschäftigt. Und so war seine erste Liebe im Sport vorerst Motocross – und Marcel war auch hier sehr erfolgreich!

Bis er sich bei einem Sturz beide Hände brach, wie er mir eingangs erzählt. „Ich habe danach sofort aufgehört, es war mir zu gefährlich! Der Papa hat mich dann zum Rallyefahren gebracht und mir dabei mächtig geholfen.“

Der Papa, Reinhold Neulinger, hatte seine sportliche Laufbahn vor 18 Jahren bei der Triestingtal–Rallye gestartet – und prompt fällt mir die Parallele zu den Stohls ein. Manfred hatte sich beim Motocross die Hand gebrochen und ein Jahr Startverbot. Erst deshalb begann er mit dem Rallyesport und seine Entwicklung ist bekannt.

Vor ziemlich genau drei Jahren fuhr Marcel dann seine erste Rallye und das natürlich in Oberösterreich: die Mühlstein Rallye rund um Perg.

Wir kommen auf den Polen-Unfall zu sprechen, am Tag genau vier Jahre nach dem Unfall beim Motocross und Marcel erzählt: „Eigentlich kann ich mich gar nicht daran erinnern, aber plötzlich war da eine Welle, die wir nicht im ‚Schrieb‘ hatten.“

Ich selbst habe natürlich im Netz gegoogelt und ein kurzes Video von dem Unfall gefunden. Und ich hatte den Eindruck, dass der Lancia bei rasanter Fahrt kurz vor dem Aufprall einfach seitlich versetzte. Ob er dieses Video gesehen hat, wollte ich wissen. „Nein – und ich will es auch gar nicht sehen. Ich will auch nie mehr ein Rally4-Auto fahren und auch keinen Europameisterschaftslauf. Du musst da ein derart hohes Risiko gehen, die Konkurrenz ist so stark, alle fahren am absoluten Limit und ich will nicht dieses Risiko eingehen.“

Also Ende einer Karriere, frage ich Marcel. „Nein, ein RC2 Auto von Raimund Baumschlager wäre schön, wenn die Sponsoren bleiben, mit BWT habe ich ja nur einen Jahresvertrag. Und auf Schotter würde ich gerne fahren, das ist richtig geil!“

Ich sitze unmittelbar an Marcels Spitalsbett und betrachte seine Beine. Der rechte Fuß, vor einer Woche frisch operiert in einem riesigen Plastikschuh geschützt, das linke Bein verpflastert und doch sind die frischen Narben deutlich zu sehen. Offene Brüche, Schwerstarbeit bei den Operationen im Unfallkrankenhaus. „Der Arzt hat die Zehenknochen frisch sortieren müssen - ich habe noch immer ein taubes Gefühl und immer wieder Nervenschmerzen“, stöhnt Marcel und zeigt mir ein Foto, wie das Bein nach der OP ausgesehen hatte. Ich frage ihn, ob ich das für motorline verwenden darf – „Klar“, sagt Marcel.

Und plötzlich denke ich, vielleicht war es ja auch Glück im Unglück, Andi Hulak hat nach seinem Unfall im Lavanttal sein Bein verloren…

Ich will Marcel von seinen Verletzungen ablenken, rate zu Kraft und Fitnesstraining – er lächelt. „Hatte ich heute schon am Ergometer für die Arme und immer wieder Muskelaufbau mit dem Thera-Band, welches am Bett befestigt ist. Ich werde später Kraft brauchen, wenn ich dann mit den Krücken gehen muss und die Füße noch nicht voll belastbar sind.“

Ich frage nach seinem Vorbild. „Kalle Rovanperä“, kommt wie aus der Pistole geschossen.

Ich muss mich verabschieden, schaue noch einmal in Marcels Augen und verspreche, ihn in der Rehabilitation wieder zu besuchen, denn die Story soll weitergehen.

Marcel Neulinger ist nach Volks- und Hauptschule, nach dem Polytechnikum nun in der Schule des Lebens angekommen. Und ich denke, wenn er im vermutlichen Reha-Zentrum Tobelbad die ersten Eindrücke verarbeitet hat, wenn er das Leid von Vollamputierten und Querschnittgelähmten ganz nahe erlebt, wird sein Wille den Weg zurückzufinden stärker sein, als im Augenblick.

Auf die Beine kommen, auf eigenen Füßen zu stehen, der Schmerz der traktierten Muskeln wird ein süßer Schmerz sein, denn er verspricht Heilung!

Und wie sagte schon im vergangenen Jahrhundert der großartige Erfinder Thomas Edison:
 
                     „Der sicherste Weg zum Erfolg ist immer, es doch noch einmal zu versuchen.“
 

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