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Erinnerungen eines Sportreporters
Fotos: Archiv Peter Klein

Wenn das Leben in die Jahre kommt

Am 11.11. wird es exakt 25 Jahre her sein, dass Franz Wittmann noch einmal Staatsmeister wurde . ORF-Legende Peter Klein erinnert sich in einer zweiteiligen motorline-Kolumne. Hier Teil 1.

Peter Klein für den Motorline Paddock Corner

Laut Statistik Austria leben in Österreich derzeit rund 9.216.000 Menschen, es sind rund fünfeinhalb Millionen zwischen 20 und 65 Jahre alt – und davon spielt jeder 45.Golf. Es gibt also rund 125.000 Golfer/innen in unserem schönen Land und man kann davon ausgehen, dass fast jedem der Golfclub Adamstal und die Halfway, für Nichtgolfer das Rasthaus zur Hälfte des Kurses, ein Begriff ist.

Mit Motorsport hat das zwar nix zu tun – und ist dennoch erwähnenswert! Weil es sich dabei um das Lebenswerk eines Menschen handelt, dem der Rallyesport in Österreich verdammt viel zu verdanken hat. Und der ziemlich genau vor 25 Jahren seinen letzten Staatsmeistertitel im Waldviertel feiern durfte – und das im 52. Lebensjahr.

Nun ist ein Vierteljahrhundert sicher ein Jubiläum, welches Beachtung finden sollte – und so möchte ich aus diesem Anlass einen Rückblick auf das sportliche, aber auch ein wenig private Leben des FRANZ WITTMANN machen.

Ich habe Franz bei meinem ersten Bericht von der Jännerrallye 1979 in Freistadt kennengelernt. Die Landschaft war ein Wintermärchen, es gab fast meterhohen Schnee und Franz war mit einem Porsche 911 Carrera am Start. „Wittmann hat mit Heckantrieb unter diesen Bedingungen kaum Chancen“, wurde mir von Fachleuten versichert. Franz gewann klar vor dem Duo Engseth/Stohl mit Lada 1600 und Sepp Haider/Jörg Pattermann im Opel Kadett. Wittmann war damals 28 Jahre jung, seinen ersten Gesamtsieg feierte er aber schon als 21-Jähriger bereits sieben Jahre zuvor, vor 55 Jahren bei der Karawankenrallye, mit einem VW-Käfer 1302.

Im Gaupmannsgraben sind Wittmann und seine Schwester Eva aufgewachsen und diese Ortschaft ist wahrscheinlich nur wenigen ein Begriff. Wenn man aus dem Süden kommend Hainfeld in NÖ erreicht und links in den Ort abbiegt kommt man nach fünf Kilometern in die Gemeinde Ramsau und Wikipedia lässt uns wissen, dass hier eine Persönlichkeit zu erwähnen ist: Franz Wittmann sen. Rallyefahrer.

Sein Vater, der „Herr vom Gaupmannsgraben“, betrieb ein großes Sägewerk und besaß auch Wälder wo das Holz geschlägert wurde. Viele verdienten dort schon in den 50er Jahren ihr tägliches Brot, der damalige „Junior-Franz“ blieb von harter Arbeit nicht verschont und übernahm später auch den Betrieb. Der junge Wittmann war aber auch ein vorzüglicher Skifahrer, Mitglied im NÖ Landeskader und aus dieser Zeit stammt auch die Freundschaft zur Rallyelady Gabi Husar, die schon dem niederösterreichischen Jugendkader angehörte.

Aber die motorsportlichen Ambitionen fanden bei seinem Vater wenig Gegenliebe und oft genug wurden die Eltern gar nicht über diverse Einsätze informiert. Doch Vater Wittmann war ein am Leben stets interessierter, belesener Mann und erfuhr über diverse Tageszeitungen von den Husarenritten seines Sohnes. Dass man mit einem VW Käfer aber Rallyes gewinnen konnte, wollte Papa Wittmann kaum verstehen - vermutlich konnte er auch den Vaterstolz gut unterdrücken…

Im Verlauf der Jahre gab es für den erfolgreichen Franz viele Autos, die er mit Bravour beherrschte. Nach Vorderradantrieb im Käfer folgten zwei volle Saisonen mit Hinterradantrieb und dem BMW – vier Gesamtsiege und Podestplätze waren fast selbstverständlich.

„Mit dem Opel Kadett bin ich dann so gerne gefahren“, schwärmt Franz noch heute. Siege und Podestplätze aufzuzählen hieße Eulen nach Athen tragen. Doch es ist ein 7. Gesamtrang, auf den er heute noch besonders stolz ist, bei der 1000 Seen Rallye im August 1977 – einem Weltmeisterschaftslauf! Die besten nordischen Rallyefahrer, nicht weniger als 21 Werkspiloten am Start, ein Platz unter den besten Zehn war ein verwegener Gedanke – und am Ende der sensationelle 7. Gesamtrang mit seinem Co-Pilot Helmut Deimel, der in der Folge zum genialen Rallyefilmer wurde.

Es war aber auch Dr. Kurt Nestinger zum überwiegenden Teil als Co-Pilot im Einsatz. Nach der Zeit im Opel stand der Porsche zur Verfügung und 1980 wieder ein Rallyeauto mit Vorderradantrieb, der Audi 80 GL mit dem unter anderen prompt die Jännerrallye gewonnen wurde.

Die Geschichte mit der Weltpremiere des Audi Quattro ist sicher auch den jüngeren Fans bestens bekannt, aber ein Foto vom überragenden Sieg bei der Jännerrallye in Freistadt möchte ich dennoch präsentieren.

Es folgten vier Jahre mit Audi, Wittmann wurde taxfrei zum „Mister Jännerrallye“ und als er in Portugal mit Rang Drei das Prädikat FIA-A-Fahrer erhielt, war die Spitze seiner Popularität noch lange nicht erreicht.

Gerhard Schneider Mann Au, damals Chef von Porsche Austria wollte Franz für zwei Jahre als Werksfahrer ins Audi-Team hieven, doch Wittmann winkte ab. „Ich habe mich damals einfach nicht getraut, hatte zu wenig Selbstvertrauen, konnte nicht englisch und da war ja auch noch das Sägewerk vom Vater“, erzählt mir Franz und auch: „Damals hat mir Walter Röhrl erklärt, wie wichtig absolute Fitness im Rallyesport ist und ich begann nebenbei mehr darauf zu achten, zu trainieren. Auch wollte ich immer mein eigener Herr sein, alle Entscheidungen selbst treffen. Aber dann auch zufrieden zu sein war für mich schwierig. Ich habe oft zu sehr auf den sicheren Platz geachtet und es gab ja neben dem Rallyefahren noch ein Privatleben, die Eltern, der Betrieb und dann habe ich Rolanda kennengelernt, wir sind jetzt seit 44 Jahren zusammen, mit ihr hat sich mein Leben verändert, wir haben drei Kinder und sie hat mein absolutes Vertrauen.

Franz jun. und Sebastian sind die beiden Söhne - auf den tödlichen Verkehrsunfall seiner damals 18-jährigen Tochter Julia Ende Mai 2006 geht Franz nicht ein, er muss den väterlichen Schmerz verdrängen. Damals, vor 20 Jahren konnte er Weihnachten ohne seiner Julia nicht ertragen und zog sich in die Wohnung in Spanien zurück. Das tat er in der Folge immer wieder, denn die Beziehung Vater – Tochter war sehr intensiv. Wer selbst einmal sein Kind begraben musste, wird das verstehen.
 
1985/86 ein Abstieg von Quattro zu VW Golf und einmal mehr bewies Franz, dass er tatsächlich jedes Auto beherrschen kann. Aber er musste auch feststellen, dass er im deutschen Team nicht sehr beliebt war, seine Perfektion kam nicht an und Franz fehlte einfach die Wärme, das Vertrauen im deutschen Team.

Doch ein Wittmann gibt sich nicht mit kleinen Brötchen zufrieden. 1987 folgte der Umstieg zu Lancia und einem neuen Co-Pilot. Jörg Pattermann war für die folgenden sechs Jahre der Mann auf dem rechten Sitz und schon der vierte Einsatz brachte den ersten Sieg – und das beim Weltmeisterschaftslauf in Neuseeland. Am vorletzten Abend in Rotorua war Franz der gewohnte Zweifler, das beinharte Duell mit Schwedens Kenneth Eriksson hatte ihn gefordert – aber diesmal wollte er unbedingt den Sieg und er hatte auch das Vertrauen zu seinem neuen Beifahrer.

„Wenn Du zurückdenkst, an die unzähligen Rallyes, die tollen Erfolge mit den verschiedensten Autos, was hat heute für Dich den höchsten Stellenwert?“, will ich von Wittmann wissen. Die Antwort kommt spontan: „Natürlich Neuseeland, aber auch Portugal mit dem Quattro, Argentinien mit dem Lancia, die Siege bei der Saturnus mit Toyota und natürlich dann der Meistertitel mit gut 51 Jahren, der bei der Semperit Rallye 2001 erreicht wurde. Raphael Sperrer hat damals gesagt, wenn ich noch einmal Meister werde, gibt er seine Lizenz ab - das hätte er nicht sagen dürfen“, lächelt Wittmann, „aber natürlich steht der WM-Sieg an erster Stelle“.

Nach seinem Sieg bei der Semperit Rallye 1993 mit Toyota Celica fuhr Wittmann nur noch ein Sparprogramm, zu zeitintensiv war der Bau seiner beiden Golfplätze im Adamstal bis ihn Sperrer acht Jahre später herausforderte und Franz von Toyota Frey große Unterstützung hatte.

Im November fiel die Entscheidung im Waldviertel und es war der spannendste Meisterschaftslauf, den ich je miterleben durfte. Zehn WRC-Boliden am Start, gut 60.000 Rallyefans erlebten an den beiden Tagen ein Spektakel der besonderen Art. Ich habe für diese Geschichte in den vergangenen Tagen auch einige Meinungen von Wittmanns Wegbegleitern eingeholt. Wie war der Mensch Wittmann wirklich? Wer steht offen zu seiner Meinung? Ich habe die Meinungen von Gabi Husar, Rudi Stohl, Jörg Pattermann und Manfred Stohl eingeholt. Davon erzähle ich euch im zweiten Teil mit dem Titel: Stärke kommt nicht vom Siegen

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