Erinnerungen eines Sportreporters | 30.10.2026
Je größer die Schwierigkeit…
...die man überwindet, desto größer ist der Sieg! - motorline.cc-Kolumnist Peter Klein erzählt von seinem neuerlichen Besuch bei Marcel Neulinger - sein Bericht klingt zuversichtlich...
Diese Weisheit ist mehr als 2.100 Jahre alt und stammt aus der Feder des großartigen Philosophen Marcus Tullius Cicero. Und sie könnte für die nächste Zeit ein Leitspruch für Marcel Neulinger sein, der nach seinem schweren Unfall beim ERC-Lauf in Polen langsam wieder auf die Beine kommt.
Bei der tollen Herbstrallye wurde ich in Dobersberg von einigen Rallyefans auf Marcel angesprochen - wie es ihm wohl geht und ob er schon wieder laufen kann wollten sie wissen.
Ich habe hier auf motorline.cc schon zwei Mal von Marcel berichtet, mein Besuch im Spital ist gut sechs Wochen her (siehe Im Schmerz von gestern oder Stärke kommt nach Tränen).
Wir hatten damals vereinbart, dass ich Marcel bei seinem Aufenthalt in der Rehabilitation wieder besuchen würde - aber der Weg dorthin dauert noch. So habe ich mich auf den Weg nach Oberösterreich gemacht, um ihn im Elternhaus zu besuchen und zu sehen, ob es Fortschritte gibt.
Eine gute halbe Stunde nach Linz, die Strecke führt über hügelige enge Straßen und ich verlasse mich auf mein Navigationssystem. Schließlich lande ich vor einem großen Anwesen und Marcel empfängt mich im Rollstuhl. Wir hatten einige Tage zuvor miteinander kommuniziert und so wusste ich, dass unser Riesentalent seine Beine noch nicht voll belasten darf. Dennoch lächelt er mich an und ich bin froh darüber, denn die Traurigkeit vor sechs Wochen ist fast weggewischt, es ist wieder Fröhlichkeit in seinen Augen.
Vater Neulinger ist nur kurz anwesend – die Arbeit ruft und ich denke, das sind sehr fleißige Leute die sich mühevoll viel erarbeitet haben. Marcel führt mich in das sehr gediegene Haus und blitzartig fallen mir gleich mehrere tüchtige Landsleute ein, die neben dem Rallyesport einiges erreicht haben. Baumschlager mit seiner Firma BRR, Raphael Sperrer mit Sperrer-Motorsport , Ernst Haneder, Bäckermeister aus St. Oswald, „Dottore“ Dr. Helmut Czekal, der Baumschlager am Beginn seiner Karriere hilfreich zur Seite stand, der Gastronom und Co-Pilot Sigi Schwarz, der Bestatter vergangener Jahrzehnte Andi Stigler, Oberösterreichs schnellster Postler Karim Pichler usw.
Mama Neulinger bietet Kaffee an und die Schwester hat ihr Training für das Springreiten in der eigenen Reithalle kurz unterbrochen - es ist ein angenehmes Gefühl im Haus der Neulinger.
Wie es ihm nun geht und warum es bis zur Rehabilitation so lange dauert will ich von Marcel wissen und erfahre, dass er die Erlaubnis zur Vollbelastung am 12. November bekommt - aber erst nach sorgfältiger Untersuchung.
Zum Rallyesport steht er nach wie vor, war sogar mit dem Bruder bei der 3 Städte Rallye um das BRR-Team zu begrüßen und Rallyeluft zu schnuppern. „Wie sieht die Zukunft aus? Wirst Du wieder fahren? Und bleibt es bei ‚Nie mehr RC4!‘?“, frage ich. Marcel nickt und meint: „RC2 wäre schön.“ Aber ob ihn die Sponsoren weiter unterstützen, bei solch einem Projekt, welches sicher doppelt so viel kostet? „Der Einsatz mit einem RC 3 Auto, zum Beispiel ein Renault, kostet auch kaum mehr als zuletzt der Lancia RC4 und würde mir gut gefallen!“
Ich überreiche Marcel die beiden Karikaturen, die Richard Hicker (Die Karikatur ist eine grobe Wahrheit ) so genial angefertigt hat und auch jeweils zehn gedruckte Bilder neben den Originalen. „Vielleicht einige für Deine Sponsoren von 2026 oder wie ein Rallyeauto 2027 aussehen könnte“, meine ich beiläufig und diese Bilder finden bei den Neulingers sichtlich Gefallen.
Auch Mama Neulinger hat ein Lächeln im Gesicht und ich denke an meinen ersten Besuch im Linzer UKH - als sie den Schmerz von Marcel mitempfand. Als die Augen feucht waren und die Sorge um die Heilung ihres Sohnes so groß war. Unterstützt sie auch heute die Ambitionen von Marcel? Es ist ein gütiges Lächeln als sie meint: „Man kann doch einem Menschen nicht verbieten, was er so gerne tut!"
Marcel hat auch ohne Rallyesport ein gedrängtes Programm, ist dreimal die Woche bei der Physiotherapie, hat einen Ergometer Heimtrainer um die Beinmuskulatur zu kräftigen – das lange Liegen im Spital hat doch viel an Muskelkraft gekostet. Das Leid und die Resignation, die vor zwei Monaten noch sichtbar waren, sind dem Kampfgeist gewichen und ich denke, Marcel ist auf einem guten Weg zurück ins volle Leben. Die Rehabilitation in Tobelbad sollte noch in diesem Jahr stattfinden und 2027 steht vielleicht auch noch der Zivildienst bevor. „Aber da kann man schon auch mal eine Rallye fahren“, ist der 21-Jährige überzeugt und vielleicht gibt es dann ein familiäres Duell – „denn der Papa hat so ein Evo 5 Projekt im Kopf“…
Nach knapp zwei Stunden mache ich mich wieder auf den Heimweg und bin überzeugt, wir sehen Marcel im kommenden Jahr wieder auf diversen Sonderprüfungen. Sein Lächeln bestätigt meine Meinung, sein Händedruck ist viel kräftiger als ich dem Leichtgewicht zugetraut hätte und ich denke: „Du kannst Marcel!“


















